Bevor ich nach England kam, dachte ich, dass das Vereinigte Königreich, abgesehen von der Währungsunion, zur EU gezählt wird. Langsam wurde mir klar, dass das höchstens auf dem Papier so ist. Man spricht hier gern vom Kontinent, Festland - verständlich, wir sprechen ja auch von der Insel - oder eben Europa und schließt sich selbst dabei keineswegs ein. Nach Weihnachten fragte man mich, wie es in Europa war... Der Höhepunkt war erreicht, als ich bei der Post Briefe in verschiedene EU-Länder schicken wollte und das auch so ausdrückte. Leider hatte die nette Schaltertante noch nie was von der Europäischen Union gehört, jedenfalls musste ich dann doch alle Länder einzeln aufzählen. Zum Dank wurde ich wieder "Love" und "Darling" genannt...
Ich hoffe übrigens, dass man sich das mit der Währung wirklich bald mal überlegt. Für eine einfache Auslandüberweisung müsste ich hier zwischen 15 und 25 Pfund bezahlen - die spinnen, die Briten. Kein Wunder, dass die Schotten unabhängig werden wollen...
Abgesehen davon frage ich mich, ob Lincoln (der Ort, den außerhalb von Lincolnshire niemand kennt, obwohl in der hiesigen Kathedrale sogar ein Teil des Da Vinci Code gedreht wurde) tatsächlich dort ist, wo es auf der Karte geschrieben steht.
Angeblich ist der Himmel über ganz GB von schwarzer Vulkanasche überzogen. Hier strahlt die SOnne am blauen Himmel und von Asche ist weit und breit nichts zu sehen oder zu riechen.
Mit dem Jahreswechsel hieß es, dass in ganz GB Schneechaos herrsche. Man spricht davon hier schon lange bevor man in deutschen Mittelgebirgsregionen daran denken würde, zumal Winterreifen nicht so in sind. Für mehrere Wochen wurden dann überall Schulen geschlossen. Davon wusste ich dennoch nur aus den Nachrichten - bei uns lief alles wie immer.
Meine Mitbewohnerin beginnt gerade damit, ein chinesisches Mittagessen zu kochen, während ich versuche, meinen Erfahrungsbericht zu schreiben, der eigentlich längst fertig sein sollte, mich jedoch zu diversen Blogseiten führte, die ich schon länger vernachlässige. Eigentlich wollte ich für die Chinesin Spaghetti kochen, da es ihr Geburtstag ist und sie diese Speise bisher (unverständlicherweise) noch nie gegessen hat. Aus Italien wird nun leider nichts, ich werde wieder nach China katapultiert, mein (mündliches) Mandarin wird auch besser, ich benötige nur noch wenige Hilfen, um mich vorzustellen, das Geburtstagslied konnte ich ganz allein singen...
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Samstag, 17. April 2010
Donnerstag, 18. Februar 2010
The Karma-Dilemma
Vierzehn ganze Tage habe ich mich hinter Daunen und Kissen verbarrikadiert mit Chips und Cola, Schokolade und Rotwein, Bratkartoffeln und Käse, Eiern und Schinken, schlechten Serien und noch schlechteren Filmen. Bestimmt zwei Kilo schwerer aber kein bisschen unglücklich, Hirn entleert, Rücken entspannt. Meine Güte geht’s mir gut! Ach du Sch…, sind meine Haare lang geworden! Ich muss zum Friseur.
Seit Jahren stecke ich in dem moralischen Zwiespalt, den Billiglohnsektor nicht protegieren zu wollen, weil ich eigentlich dagegen bin, dass jemand von unter 5 Euro Stundenlohn leben muss. Andererseits habe ich im karitativen Ehrenamt viele Jahre nur von Händedrucken und Blumensträußen gelebt und nie beschlich mich das Gefühl, meine Vorgesetzten seien in irgendeiner Form unglücklich darüber. Ich wähle den Mittelweg: "Waschen, Schneiden, Selberföhnen" gibt es bei Caroline für 20 Euro, das ist ebenso unangemessen wie erschwinglich. Zumindest den Zehn-Euro-Friseur boykottiere ich und fühle mich gut dabei. Als die wortkarge Dame mit dem Schneiden fertig ist, beginnt sie zu föhnen. ("Halt! Das ist doch mein Job!" denke ich.) Sie nimmt sich beinahe mehr Zeit fürs Föhnen als für das Schneiden und ich fürchte, dass sie im Minutentakt abrechnen wird. Ich müsste dann mit einer 40-Euro-Rechnung leben. Ich wage es nicht, ihr das Gerät aus der Hand zu reißen. Ich möchte nicht knausrig wirken und es auch nicht sein. Es werden dann schließlich 30 Euro, Caroline ist glücklich. Ich muss also meine Brauen und Barthaare selbst zupfen, Natalie will dafür nämlich immer nen Zehner…
Jetzt, wo ich die Haare schön habe, geht es zum Body Shop. Dort lerne ich, was ein "Body Mist" ist, entscheide mich für die Version "Sparkling Apple" und lasse mir außerdem einen "Curl Boost" aus Baumwollsamen für meine neuen Haare andrehen. Weil mir bei einer Rechnung von 16 Euro noch 4 Euro für einen Treuestempel fehlen, widme ich den Fehlbetrag kurzerhand der Spendenaktion "Stoppt Sex-Handel mit Kindern und Jugendlichen". Die Verkäuferin ist überaus erfreut. Schließlich ahnt sie nicht, dass ich viele Jahre mal den Zehnten gegeben habe. Ich bin also einiges gewohnt und komme mir mit meiner mickrigen 4-Euro-Spende geizig vor. Zu allem Überfluss bekomme dafür nicht nur diesen blöden Stempel. Sie strahlt, kramt in ihrem Schränkchen und teilt mir mit, dass ich, "weil die Spende so hoch war", eine weitere Creme und ein limitiertes Postkarten-Set erhalte. Außerdem könne ich mir aussuchen, von welchem Artikel im Laden sie mir eine Probe abfüllen soll. Ich wähle "süße Zitrone" und bin irritiert. (Als Teenager habe ich mal 50 DM an ein Missionswerk nach Sibirien gespendet, woraufhin ich ca. zehn Jahre lang handgeschriebene Papierbriefe direkt aus Sibirien bekam.) Im Body Shop befällt mich ein ähnliches Gefühl. Was kommt denn da noch bei den Kindern an?
Dritte Station Bagel Brothers. Ich nehme ein halbes Dutzend Bagels und 100g Frischkäse. In Gedanken versunken das Rabattverhältnis zwischen einem Dutzend und einem halben Dutzend sowie einzelnen Bagels ausrechnend, zahle ich und verlasse den Laden. Der Betrag klingt mir noch im Ohr und ich stelle fest: Ich habe nur die Bagels bezahlt, den Frischkäse gab es gratis. Lauf ich jetzt zurück? 1.60 nachzahlen? Nee, 3,25 Euro ist ja eigentlich teuer genug für ein paar Brötchen, die nichtmal BIO sind.
Lieber noch schnell zu Netto in den Strohsack und den Einkauf vervollständigen. Ich habe jedoch aus der Frischkäsegeschichte gelernt und bin aufmerksam. Die Kassiererin ist ob der langen Schlange nervös und entsprechend langsam und unkonzentriert. Sie gibt mir 20 Cent zu viel Rückgeld. (Um mir eine Reise zu einer amerikanischen Pfingstgemeinde zu finanzieren, die gerade eine Erweckung erlebte, hab ich im zarten Alter von 16 mal drei Monate bei Kaufland kassiert. Ich weiß also genau, wie man sich fühlt, wenn die Kunden unruhig werden und die Augen verdrehen. Nichts ist schlimmer, als wenn nach Feierabend die blöde Kasse nicht stimmt.) Ich gebe ihr also das Geldstück zurück und ernte einen ähnlich entrückten Blick von dem Mädchen, wie von der Body-Shop-Verkäuferin angesichts meiner Anti-Sex-Spende.
Ich habe eine Friseuse in meditativer Geschwindkeit föhnen lassen, für den Versuch, Kinder vor Sex zu schützen, Geschenke abgesahnt und mir zwar 100g Käse, nicht aber 20 Cent schenken lassen. Unterm Strich bin ich ratlos, wie sich die Karmapolizei zu meinem Verhalten positioniert.
Seit Jahren stecke ich in dem moralischen Zwiespalt, den Billiglohnsektor nicht protegieren zu wollen, weil ich eigentlich dagegen bin, dass jemand von unter 5 Euro Stundenlohn leben muss. Andererseits habe ich im karitativen Ehrenamt viele Jahre nur von Händedrucken und Blumensträußen gelebt und nie beschlich mich das Gefühl, meine Vorgesetzten seien in irgendeiner Form unglücklich darüber. Ich wähle den Mittelweg: "Waschen, Schneiden, Selberföhnen" gibt es bei Caroline für 20 Euro, das ist ebenso unangemessen wie erschwinglich. Zumindest den Zehn-Euro-Friseur boykottiere ich und fühle mich gut dabei. Als die wortkarge Dame mit dem Schneiden fertig ist, beginnt sie zu föhnen. ("Halt! Das ist doch mein Job!" denke ich.) Sie nimmt sich beinahe mehr Zeit fürs Föhnen als für das Schneiden und ich fürchte, dass sie im Minutentakt abrechnen wird. Ich müsste dann mit einer 40-Euro-Rechnung leben. Ich wage es nicht, ihr das Gerät aus der Hand zu reißen. Ich möchte nicht knausrig wirken und es auch nicht sein. Es werden dann schließlich 30 Euro, Caroline ist glücklich. Ich muss also meine Brauen und Barthaare selbst zupfen, Natalie will dafür nämlich immer nen Zehner…
Jetzt, wo ich die Haare schön habe, geht es zum Body Shop. Dort lerne ich, was ein "Body Mist" ist, entscheide mich für die Version "Sparkling Apple" und lasse mir außerdem einen "Curl Boost" aus Baumwollsamen für meine neuen Haare andrehen. Weil mir bei einer Rechnung von 16 Euro noch 4 Euro für einen Treuestempel fehlen, widme ich den Fehlbetrag kurzerhand der Spendenaktion "Stoppt Sex-Handel mit Kindern und Jugendlichen". Die Verkäuferin ist überaus erfreut. Schließlich ahnt sie nicht, dass ich viele Jahre mal den Zehnten gegeben habe. Ich bin also einiges gewohnt und komme mir mit meiner mickrigen 4-Euro-Spende geizig vor. Zu allem Überfluss bekomme dafür nicht nur diesen blöden Stempel. Sie strahlt, kramt in ihrem Schränkchen und teilt mir mit, dass ich, "weil die Spende so hoch war", eine weitere Creme und ein limitiertes Postkarten-Set erhalte. Außerdem könne ich mir aussuchen, von welchem Artikel im Laden sie mir eine Probe abfüllen soll. Ich wähle "süße Zitrone" und bin irritiert. (Als Teenager habe ich mal 50 DM an ein Missionswerk nach Sibirien gespendet, woraufhin ich ca. zehn Jahre lang handgeschriebene Papierbriefe direkt aus Sibirien bekam.) Im Body Shop befällt mich ein ähnliches Gefühl. Was kommt denn da noch bei den Kindern an?
Dritte Station Bagel Brothers. Ich nehme ein halbes Dutzend Bagels und 100g Frischkäse. In Gedanken versunken das Rabattverhältnis zwischen einem Dutzend und einem halben Dutzend sowie einzelnen Bagels ausrechnend, zahle ich und verlasse den Laden. Der Betrag klingt mir noch im Ohr und ich stelle fest: Ich habe nur die Bagels bezahlt, den Frischkäse gab es gratis. Lauf ich jetzt zurück? 1.60 nachzahlen? Nee, 3,25 Euro ist ja eigentlich teuer genug für ein paar Brötchen, die nichtmal BIO sind.Lieber noch schnell zu Netto in den Strohsack und den Einkauf vervollständigen. Ich habe jedoch aus der Frischkäsegeschichte gelernt und bin aufmerksam. Die Kassiererin ist ob der langen Schlange nervös und entsprechend langsam und unkonzentriert. Sie gibt mir 20 Cent zu viel Rückgeld. (Um mir eine Reise zu einer amerikanischen Pfingstgemeinde zu finanzieren, die gerade eine Erweckung erlebte, hab ich im zarten Alter von 16 mal drei Monate bei Kaufland kassiert. Ich weiß also genau, wie man sich fühlt, wenn die Kunden unruhig werden und die Augen verdrehen. Nichts ist schlimmer, als wenn nach Feierabend die blöde Kasse nicht stimmt.) Ich gebe ihr also das Geldstück zurück und ernte einen ähnlich entrückten Blick von dem Mädchen, wie von der Body-Shop-Verkäuferin angesichts meiner Anti-Sex-Spende.
Ich habe eine Friseuse in meditativer Geschwindkeit föhnen lassen, für den Versuch, Kinder vor Sex zu schützen, Geschenke abgesahnt und mir zwar 100g Käse, nicht aber 20 Cent schenken lassen. Unterm Strich bin ich ratlos, wie sich die Karmapolizei zu meinem Verhalten positioniert.
Montag, 14. September 2009
Provinz
Am interessantesten sind doch immer die Leute, die man an einem neuen Ort kennenlernt. Ob das nun die Lehrerin ist, die mich anspricht mit den Worten: “Als ich sie das erste mal sah, da fiel so das Licht auf sie und es lief mir eiskalt den Rücken hinunter.” Natürlich wundert man sich über eine solche Aussage. Doch die Erklärung folgt: Ich sähe genauso aus wie die im letzten Jahr an Krebs recht jung verstorbenen Arztfrau von L. Natürlich hat sie das dem Arzt sofort mitgeteilt, der wohl etwas verstört darauf reagiert hat. Mir wurde geraten, nicht in seine Praxis zu gehen, da er wahrscheinlich nicht damit umgehen könne. Oder die Sekretärin, die vor mir, bevor sie mir meine Kopiernummer aushändigt, ihre neue bei Otto bestellte und eben angekommene Bluse auslegt, um meine Meinung dazu zu hören, welches Unterteil man dazu kombinieren könne. Oder der Lokführer, der mit mir früh 4.15 Uhr auf den verspäteten Zug wartet und mir mitteilt, dass das Leben vorbei ist, wenn man erstmal arbeitet, vor allem wenn man einen solchen Fahrplan hat wie er. Kein abendliches Bier mehr mit den Kumpels. Er wartet auf die Rente, obwohl er sicher nicht älter als 45 ist. Er fragt mich, was ich um diese Uhrzeit hier täte, da er mich doch letzte Woche schon sah. Ich erzähle ihm von L. Sein Kommentar dazu ist: “Alles Inzucht da unten. Da kam ja niemand hin. War ja fast Sperrgebiet. Die haben sich immer nur untereinander gepaart.” Im Zug sitzt eine Frau, die mit ernstem Gesicht einen Test zum Thema “Welcher Salztyp bin ich?” macht. Ich muss ein bisschen lachen und harre der nächsten Begegnung mit einem dieser spaßigen Inzuchtmenschen.
Donnerstag, 30. April 2009
Fritten mit Sommergartensauce
Seit einer Woche wohne, „arbeite“ und esse ich in Aachen. Das liegt aus Schwarzackerperspektive unvorstellbar weit westlich und bietet genug Befremdliches für einen mittelschweren innerdeutschen Kulturschock. Hier ist die Brisanz der Integration unübersehbar deutlich. In der Idylle des Schwarzackers hört man ab und zu mal ein russisches Wort. Obst, Gemüse und Bier werden an der Ecke von einer asiatischen Familie verkauft, über deren genaue Herkunft ich leider keinerlei Kenntnis habe. Doch hier auf dem Adalbertsteinweg gehöre ich im Süpermarket gegenüber zu einer Minderheit und das ist keine Übertreibung. Um mich dem Kleidungsstil der Umgebung minimal anzupassen, trage ich die zurückgelassene Polyesterhose der polnischen Ex-Freundin und vermeide es, um nicht farblich aufzufallen, meine zartostrosa Regenjacke anzuziehen. Ich fühle mich ein wenig fremd in meiner zweiten Haut und gehe wenig vor die Tür.
Heute jedoch scheint erstmals die Sonne und so beschließe ich, bevor ich übermorgen wieder gen Osten fahre, die Innenstadt zu erkunden und irgendwo zu Mittag zu essen. In der Fußgängerzone sehe ich schon von Weitem eine mittelmäßig lange Warteschlange an einem Imbiss. Den Andrang nehme ich als ein Zeichen für Qualität. Vermutlich gibt es dort zwar keine Bananen, aber sicher eine andere seltene Köstlichkeit, für die man sich im Westen in der Mittagspause bereitwillig anstellt. Als ich näher komme, erkenne ich eine Pommes-Bude. Hm, enttäuschend. Reflexartig weiche ich wieder einen Schritt zurück, beobachte das Treiben einige Minuten und rekapituliere, wie lange es her ist, dass ich Pommes gegessen habe: Zugegeben, an D.s Diplomfeier habe ich S. eine Pommes vom Teller geklaut, aber für mich habe ich seit Jahren keine Pommes mehr irgendwo bestellt.
Ich beschließe, mir dieses Diätvergnügen zu gönnen und stelle mich an der inzwischen etwas kürzeren Schlange an. Mir bleibt also nicht viel Zeit, zu überlegen, welche der ca. 25 angebotenen Saucen und Dips ich haben möchte. Mal sehen. Was nehmen denn die anderen? Die Oma vor mir bestellt eine große Portion „Fritten mit Sommergartensauce“. Mmh, das klingt nach leckerem, leichtem Gemüse. Das würde ich auch gerne nehmen, nur kann ich die Sommergartensauce auf den Menütafeln nirgends entdecken. Vielleicht ein Geheimtipp? Doch noch bevor Oma ihre Portion serviert bekommt, werde ich nach meinem Wunsch gefragt. Ich bin überfordert, bestelle eine kleine Portion mit Curryketchup und suche nebenher noch immer vergeblich nach Omas Sauce. Dann bekommt sie ihr Essen: „Einmal Fritten mit Sauerbratensauce!“ Ich hatte mich wohl verhört. Angesichts der rotbraunen Pampe mit fetten Fleischklumpen, die in die Lücken ihres Frittengerüstes hinein rinnt, bin ich erleichtert, ein profanes Ketchup erwischt zu haben, setze mich mit meinem Tütchen auf einen Stein in der Sonne und freue mich über Kalorien für 2,50 €.
Heute jedoch scheint erstmals die Sonne und so beschließe ich, bevor ich übermorgen wieder gen Osten fahre, die Innenstadt zu erkunden und irgendwo zu Mittag zu essen. In der Fußgängerzone sehe ich schon von Weitem eine mittelmäßig lange Warteschlange an einem Imbiss. Den Andrang nehme ich als ein Zeichen für Qualität. Vermutlich gibt es dort zwar keine Bananen, aber sicher eine andere seltene Köstlichkeit, für die man sich im Westen in der Mittagspause bereitwillig anstellt. Als ich näher komme, erkenne ich eine Pommes-Bude. Hm, enttäuschend. Reflexartig weiche ich wieder einen Schritt zurück, beobachte das Treiben einige Minuten und rekapituliere, wie lange es her ist, dass ich Pommes gegessen habe: Zugegeben, an D.s Diplomfeier habe ich S. eine Pommes vom Teller geklaut, aber für mich habe ich seit Jahren keine Pommes mehr irgendwo bestellt.
Ich beschließe, mir dieses Diätvergnügen zu gönnen und stelle mich an der inzwischen etwas kürzeren Schlange an. Mir bleibt also nicht viel Zeit, zu überlegen, welche der ca. 25 angebotenen Saucen und Dips ich haben möchte. Mal sehen. Was nehmen denn die anderen? Die Oma vor mir bestellt eine große Portion „Fritten mit Sommergartensauce“. Mmh, das klingt nach leckerem, leichtem Gemüse. Das würde ich auch gerne nehmen, nur kann ich die Sommergartensauce auf den Menütafeln nirgends entdecken. Vielleicht ein Geheimtipp? Doch noch bevor Oma ihre Portion serviert bekommt, werde ich nach meinem Wunsch gefragt. Ich bin überfordert, bestelle eine kleine Portion mit Curryketchup und suche nebenher noch immer vergeblich nach Omas Sauce. Dann bekommt sie ihr Essen: „Einmal Fritten mit Sauerbratensauce!“ Ich hatte mich wohl verhört. Angesichts der rotbraunen Pampe mit fetten Fleischklumpen, die in die Lücken ihres Frittengerüstes hinein rinnt, bin ich erleichtert, ein profanes Ketchup erwischt zu haben, setze mich mit meinem Tütchen auf einen Stein in der Sonne und freue mich über Kalorien für 2,50 €.
Mittwoch, 11. März 2009
Amok
Wir leben in einer gefährlichen Welt. Jüngste Ereignisse lassen vor allem die angehenden Lehrer unter uns ihre Todesursache immer deutlicher vor sich sehen: Tod durch Amokschützen. Die Fälle häufen sich. Selbst Kleinstädte in der ost- und westdeutschen Provinz bleiben davon nicht verschont. Man fragt sich, wieso gerade Lehrer, die selbstlos nur das Beste für die ihnen anvertrauten jungen Menschen wollen, von selbigen hingerichtet werden. Ein Missverständnis? Dann sei ihnen gesagt: Wir (die Lehrer) sind nicht schuld an eurem Versagen, ein bisschen Verantwortung tragt ihr auch selbst für euer Leben, auch wenn ihr es nicht glauben wollt. Und vielleicht haben wir versäumt euch das mitzugeben? Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass ihr wieder nicht zugehört habt...
P.S.: Wenn wir einem von euch helfen können, schreibt uns.
P.S.: Wenn wir einem von euch helfen können, schreibt uns.
Donnerstag, 12. Februar 2009
Wer ist W. Lan?
"Gibt’s hier im Krankenhaus eigentlich W-Lan?“ Fragende Blicke. „Wer oder was ist denn bitte W-Lan?“ - „Gibt es einen Internetzugang?“ - „Ah, Internet, ja das Wort hab ich schon mal gehört.“ Nun, ich wusste schon immer, dass mein Heimatbundesland, in dem ich nun außerplanmäßig gestrandet bin, nicht gerade mit kommunikativer Infrastruktur gesegnet ist, aber in der Niederlassung einer Klinikkette, die per Website sogar „Gute-Besserungs-Karten“ an stationäre Patienten verschicken lässt, könnte ein kabelloser Zugang zum World Wide Web durchaus als selbstverständlich gelten.
Es ist deprimierend. Ich drücke den Altersdurchschnitt auf meiner Station um etwa mein eigenes Alter nach unten. Im Gegenzug fühle ich mich in Gesellschaft meiner zwei Zimmergenossinnen wie einhundertfünf. Lediglich die Praktikantin ist sichtlich jünger als ich. Sie macht gerade Fachabitur im medizinischen Bereich und deshalb ein dreimonatiges Praktikum. Ihr hatte ich die W-Lan-Frage gestellt, in der Hoffnung, sie gehöre zu meiner, also einer Online-Generation. Abitur in Thüringen ist auch nicht mehr das, was es mal war, zu meiner Zeit... Das gibt mir zu denken. Ich fand sie nett.
Aus Zimmer 3 habe ich schon an meinem ersten Tag eine Art Schaltzentrale gemacht. Die Festnetznummer wurde systematisch an den Schwarzacker und dessen Assoziierte verteilt. Seitdem klingelt beinahe ununterbrochen das Sorgentelefon der Besorgten, die sehr effektiv meine Langeweile vertreiben. Habe ich die Menschen damit schon manipuliert und missbraucht?
Bei mir laufen viele Fäden zusammen. Mutti regelt die Dinge auch vom Stufenbett aus, prima. So gefällt mir das. Keiner hat bisher bemerkt, dass ich auf Drogen bin. Leckere Opioide und Analgetika kombiniert mit Infusionen und Elektroschocks schärfen mein Urteilsvermögen.
Ich kann den Freunden und Verwandten zahllose gute Ratschläge geben und lasse mir im Gegenzug bereitwillig „Gute-Besserung“ wünschen, sowohl per elektronischer Grußkarte als auch per Telefon oder Handschlag.
„65627 – Ruf – mich – an!“
Dienstag, 23. Dezember 2008
Mein neues Kleid
Der Schwarzacker ist jetzt, bis auf eine Ausnahme, entvölkert, man ist in die Heimat gefahren. Zum Glück gibt es auch bei den Eltern inzwischen W-Lan, so dass man sich in Ruhe in sein ehemaliges Zimmer setzen kann, welches inzwischen eher wie eine Abstellkammer für alle Möbel, die nicht zusammenpassen aussieht, und das Blog weiterführen. Und es ist ja so schön, wieder in der Heimat zu sein. Heute morgen z.B., als ich noch schlief, stahl sich meine Mutter in mein Zimmer und sucht in meinem Gepäck, nach einer Hose, die ich zum Färben mitgebracht hatte. Dabei fand sie ein Kleid, welches ihrer Meinung nach aussah, als könnte es auch etwas schwarze Farbe gebrauchen, da es ziemlich verblichen war. “Das hat C. sicher auch zum Färben mitgebracht”, dachte sich meine Mutter, und berichtete mir beim Frühstück vergnügt von ihrer guten Tat. Sie war erstaunt, dass ich mich nicht darüber freute, mich im Gegenteil darüber aufregte, dass mein vor zwei Wochen gekauftes neues Kleid nun in einem Meer aus schwarzer Farbe badete obwohl ich gestern, als ich es einpackte noch keine Farbschwächungen feststellen konnte. Eben berichtete sie mir, das Kleid sähe jetzt auf jeden Fall nicht schlechter aus. Irgendwie fehlt mir der Schwarzacker...
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