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Dienstag, 11. Mai 2010

Rheinseiten und Ansichten

Am vergangenen Samstag verschlug es mich aus dem sonnigen Aachen für einen Tag nach Krefeld – nein, das ist nicht das Ruhrgebiet. Dazu liegt es auf der falschen, nämlich linken Seite des Rheins. Ich lerne täglich hinzu. Hier darf man nämlich auch kein Kölsch bestellen. Nicht dass mir das in den Sinn gekommen wäre. Mir fehlt doch das fränkische Bier.
Zugegeben, es ist ein bisschen gemein, mit vergleichsweise akzentarmem Deutsch NRW zu infiltrieren. Im Rahmen meiner Undercoveraktion komme ich in den Genuss einer Lehrstunde über mecklenburgische Straßenverhältnisse erteilt von Menschen, die von mir nur wissen, dass ich mal sieben Jahre in Leipzig studiert habe. Hierzulande weiß man jedenfalls mit Sicherheit: „Die Autobahnen im Osten sind jetzt ganz nagelneu und ausgebaut und auch die innerstädtischen Straßen vor allem nördlich von Berlin wurden ja runderneuert.“ – „Alles blitzt und glänzt in Brandenburg.“ Und weil es im Ruhrgebiet den Menschen so schlecht geht und die Pötter längst nicht so sehr glitzern wie die Menschen in den Ostgebieten, sei es doch an der Zeit, den Benachteiligten immerhin nach über zwanzig Jahren die Zahlung des Soli-Beitrages zu erlassen. Die Verhältnisse hätten sich schließlich längst umgekehrt. Auf Nachfrage, wann denn die Ostgebiete zuletzt bereist wurden, folgt nachdenkliches Stirnrunzeln: „Hm, naja, also in Ostberlin waren wir mal in den Achtzigern, aber Berlin hat ja seit der Wende auch seinen Charme zunehmend verloren, nicht wahr?“
Hach, wie gut, dass aus Ostperspektive die Pottgrenzen in Helmstedt gezogen werden. Auch gut, dass die SPD nun Gelegenheit bekommt ihre Konzepte in der Bildungspolitik voranzutreiben. Da gehören Geographie und Sozialkunde hoffentlich auch ganztägig zum Programm. Wenn die Linke schließlich noch Teil der Regierungskoalition wird, dann gibt’s bestimmt ein bissl Aufklärung über „original sozialen“ ostdeutschen Glamour gratis. Ich war übrigens am Sonntag nicht wahlberechtigt, weil ich mich weigerte, im Einbürgerungstest NRW Stellung zu meinem Kopftuch zu nehmen. Aber es gibt Hoffnung, es glitzert, es dämmert.

Donnerstag, 18. Februar 2010

The Karma-Dilemma

Vierzehn ganze Tage habe ich mich hinter Daunen und Kissen verbarrikadiert mit Chips und Cola, Schokolade und Rotwein, Bratkartoffeln und Käse, Eiern und Schinken, schlechten Serien und noch schlechteren Filmen. Bestimmt zwei Kilo schwerer aber kein bisschen unglücklich, Hirn entleert, Rücken entspannt. Meine Güte geht’s mir gut! Ach du Sch…, sind meine Haare lang geworden! Ich muss zum Friseur.
Seit
Jahren stecke ich in dem moralischen Zwiespalt, den Billiglohnsektor nicht protegieren zu wollen, weil ich eigentlich dagegen bin, dass jemand von unter 5 Euro Stundenlohn leben muss. Andererseits habe ich im karitativen Ehrenamt viele Jahre nur von Händedrucken und Blumensträußen gelebt und nie beschlich mich das Gefühl, meine Vorgesetzten seien in irgendeiner Form unglücklich darüber. Ich wähle den Mittelweg: "Waschen, Schneiden, Selberföhnen" gibt es bei Caroline für 20 Euro, das ist ebenso unangemessen wie erschwinglich. Zumindest den Zehn-Euro-Friseur boykottiere ich und fühle mich gut dabei. Als die wortkarge Dame mit dem Schneiden fertig ist, beginnt sie zu föhnen. ("Halt! Das ist doch mein Job!" denke ich.) Sie nimmt sich beinahe mehr Zeit fürs Föhnen als für das Schneiden und ich fürchte, dass sie im Minutentakt abrechnen wird. Ich müsste dann mit einer 40-Euro-Rechnung leben. Ich wage es nicht, ihr das Gerät aus der Hand zu reißen. Ich möchte nicht knausrig wirken und es auch nicht sein. Es werden dann schließlich 30 Euro, Caroline ist glücklich. Ich muss also meine Brauen und Barthaare selbst zupfen, Natalie will dafür nämlich immer nen Zehner…
Jetzt, wo ich die Haare schön habe, geht es zum Body Shop. Dort lerne ich, was ein "Body Mist" ist, entscheide mich für die Version "Sparkling Apple" und lasse mir außerdem einen "Curl Boost" aus Baumwollsamen für meine neuen Haare andre
hen. Weil mir bei einer Rechnung von 16 Euro noch 4 Euro für einen Treuestempel fehlen, widme ich den Fehlbetrag kurzerhand der Spendenaktion "Stoppt Sex-Handel mit Kindern und Jugendlichen". Die Verkäuferin ist überaus erfreut. Schließlich ahnt sie nicht, dass ich viele Jahre mal den Zehnten gegeben habe. Ich bin also einiges gewohnt und komme mir mit meiner mickrigen 4-Euro-Spende geizig vor. Zu allem Überfluss bekomme dafür nicht nur diesen blöden Stempel. Sie strahlt, kramt in ihrem Schränkchen und teilt mir mit, dass ich, "weil die Spende so hoch war", eine weitere Creme und ein limitiertes Postkarten-Set erhalte. Außerdem könne ich mir aussuchen, von welchem Artikel im Laden sie mir eine Probe abfüllen soll. Ich wähle "süße Zitrone" und bin irritiert. (Als Teenager habe ich mal 50 DM an ein Missionswerk nach Sibirien gespendet, woraufhin ich ca. zehn Jahre lang handgeschriebene Papierbriefe direkt aus Sibirien bekam.) Im Body Shop befällt mich ein ähnliches Gefühl. Was kommt denn da noch bei den Kindern an?Dritte Station Bagel Brothers. Ich nehme ein halbes Dutzend Bagels und 100g Frischkäse. In Gedanken versunken das Rabattverhältnis zwischen einem Dutzend und einem halben Dutzend sowie einzelnen Bagels ausrechnend, zahle ich und verlasse den Laden. Der Betrag klingt mir noch im Ohr und ich stelle fest: Ich habe nur die Bagels bezahlt, den Frischkäse gab es gratis. Lauf ich jetzt zurück? 1.60 nachzahlen? Nee, 3,25 Euro ist ja eigentlich teuer genug für ein paar Brötchen, die nichtmal BIO sind.
Lieber noch schnell zu Netto in den Strohsack und den Einkauf vervollständigen. Ich habe jedoch aus der Frischkäsegeschichte gelernt und bin aufmerksam. Die Kassiererin ist ob der langen Schlange nervös und entsprechend langsam und unkonzentriert. Sie gibt mir 20 Cent zu viel Rückgeld. (Um mir eine Reise zu einer amerikanischen Pfingstgemeinde zu finanzieren, die gerade eine Erweckung erlebte, hab ich im zarten Alter von 16 mal drei Monate bei Kaufland kassiert. Ich weiß also genau, wie man sich fühlt, wenn die Kunden unruhig werden und die Augen verdrehen. Nichts ist schlimmer, als wenn nach Feierabend die blöde Kasse nicht stimmt.) Ich gebe ihr also das Geldstück zurück und ernte einen ähnlich entrückten Blick von dem Mädchen, wie von der Body-Shop-Verkäuferin angesichts meiner Anti-Sex-Spende.

Ich habe eine Friseuse in meditativer Geschwindkeit föhnen lassen, für den Versuch, Kinder vor Sex zu schützen, Geschenke abgesahnt und mir zwar 100g Käse, nicht aber 20 Cent schenken lassen. Unterm Strich bin ich ratlos, wie sich die Karmapolizei zu meinem Verhalten positioniert.

Freitag, 11. Dezember 2009

131.450 €

Der Thonet Freischwinger S 43 ist das edle Sitzgerät der neuen Campus-Bibliothek. Zugegeben, schick sieht er aus, der Klassiker von Mark Stam. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Es ist kein Geheimnis, dass Markenprodukte nicht immer das halten, was ihr Image suggeriert... Und bei der Planung und Bestückung eines solchen Prstigeprojektes wie der neuen Bibliothek kommt es eventuell (wie im Bausektor üblich) zu Interessenkonflikten. Beide Aspekte komme nun in einem bipolaren Worstcase zusammen, wenn es um die Bibliotheksstühle der Campusbibliothek geht.
Bei 550 Sitzplätzen rechne ich, da ich nirgends Bierbänke gesehen habe, mit 550 Stühlen, die angeschafft wurden. Sofern Thonet die Stühle nicht als Mängelexemplare gespendet hat und ausgehend von einem Listenpreis von 239,- € pro Stuhl sowie einem hoffentlich erzielten Mengenrabatt von 10 % macht das immernoch 118.305,- €, die als Stuhlgeld umgesetzt wurden. Bei einem solchen Betrag wäre es meiner Ansicht nach ratsam gewesen, ein Exemplar ausgiebig zu Testen. Aber die Markenblindheit hat da wohl den Einkäufer (bzw. die Einkäuferin) geschlagen. Der S 43 hat ein für einen Stuhl gravierendes Problem: Bei der kleinsten Arschbackenkontraktion quietscht er, dass es einem durchs Hirn schießt, ganz zu schweigen von den Geräuschen beim Aufstehen und Hinsetzen. Steckt darin etwa ein unterschwelliger Zwang zum Stillsitzen? Hatte Mark Stam ADS und zwang sich so zur Ruhe? Oder hielt man etwa dieses Knarzen und Kratzen für eine angemessene, postmoderne Geräuschkulisse die die Bibliotheksatmosphäre auflockern sollte? Ich zweifle jedenfalls am Verstand der Planer und Planerinnen und prangere die Verschwendung von Studiengebühren und Steuergeldern an. Zudem sind erste unangenehme Folgen aufgrund des entstandenen Lochs im Finanzhaushalt der Campusbibliothek zu spüren: Die Putzkraft, die nachts um drei kommt ist offensichtlich derart unterbezahlt, dass sie "lediglich die Papierkörbe leert" (O-Ton einer Mitarbeiterin). Wer als Benutzer klebrige Arbeitsflächen vorfindet, muss diese selbst reinigen. Dafür ist an der Auskunftstheke ein feuchter rosa Lappen erhältlich, der auch schon bessere Tage gesehen hat. "Herzlich willkommen in der modernsten Bibliothek Deutschlands. Wir wünschen ihnen einen angenehmen Aufenthalt, in dringenden Fällen, dürfen Sie sich setzen."

Mittwoch, 9. Dezember 2009

alleinerziehend

Meine Kids (ein kleiner und ein großer Junge und ein kleines Mädchen) sind kreativ, eigensinnig und äußerst verspielt. Eigentlich ein Traum jeder Mutter... Dennoch frage ich mich, ob ich eine Selbsthilfegruppe für Alleinerziehende von Mehrlingen gründen sollte. Die Racker sind inzwischen zu viert. Ein noch kleineres, sehr behaartes Mädchen kam im Advent hinzu. Ihretwegen bunkert das kleine Mädchen nun sehr viel altes Obst und Gemüse auf der Heizung, denn das noch kleinere Mädchen muss gepflegt werden. Es ist das Kuschelspielzeug des kleinen Mädchens wenn der große Junge nicht da ist.
Der kleine Junge macht einen gesunden Eindruck. Er bevorzugt derzeit (naturgemäß) Hammer und Nägel als Spielzeug. Normalerweise wollte ich ihm ein altes Brett geben, in das er die Nägel dann hätte klopfen können, um Präzision und Kraft unter Beweis zu stellen. Mutti hätte ihn auch sicher hoch gelobt. Leider hat der kleine Junge, als Mutti mal kurz nicht hingeschaut hat, die kompletten Küchenwände genutzt, um seine Nägel zu platzieren. Die ostdeutschen Altbauwände sind jedoch sehr gemein hart. Der kleine Junge konnte seine Nägel nur wenige Millimeter versenken. Mindesten 2 cm schauen noch heraus aus der Igelwand. Glücklicherweise hat der kleine Junge die Nägel gleich genutzt, um die Wand zu tapezieren, und zwar mit Blechschildern von nackten Frauen, die mit Bierflaschen posieren. (Wahrscheinlich hat er die von seinem Vater – Gott hab ihn selig – geschnorrt. Der verfolgt mich nun bis in meine Küche.)
Das kleine Mädchen hat neben dem noch kleineren Mädchen noch weitere echte Mädchenhobbies. Aus ihren Kopflöckchen baut sie kleine Nester indem sie die dicken, blonden Ballen in allen Abflüssen unter den Siebeinsätzen versteckt, wo sie glaubt, dass Mutti sie nie findet. Ihr neues Leibgericht heißt „Herdplatte mit Käse überbacken“. Nun, ich finde, das ist wirklich Geschmackssache.
Aber ich will mich nicht nur beschweren: Der große Junge macht gar keinen Ärger. Er ist beinahe so lautlos, dass sich Mutti manchmal Sorgen macht, ob er überhaupt hier ist. Doch dann steht er plötzlich im zwielichtigen Flur und wirft einen langen Schatten. In diesem Moment weiß Mutti: „Alle Kinder leben noch und alle Kinder sind zu Hause.“ Man riecht es, man hört es, man möchte es verdrängen.

Mittwoch, 11. November 2009

Schweinegrippeimpfung

Die Impfdebatte ist in aller Munde. Das Netz ist voll von Pop-Up-Umfragen zur persönlichen Impfstrategie. Bei jeder halbwegs wahrnehmbaren Ansammlung von Menschen wird man gefragt: "Und, hast du schon...?" (Gemeint ist die Impfung.) In öffentlichen Gebäuden sind die Toilettenspiegel großflächig mit Stickern beklebt, auf denen eine comicartige Anleitung zum korrekten Händewaschen dargestellt wird: "Bloß nicht anstecken. Die Gefahr lauert überall, wo du deine Finger hinsteckst."
Türklinken werden nichtmehr angefasst, sondern mit Füßen aufgetreten. Fahrstuhlknöpfe betätigt man besser mit Stiften, auf deren Ende man später versehentlich herumkaut...
Ein seriöser und meiner Meinung nach kompetenter Link kann vielleicht helfen, sich eine Meinung zur Schweinegrippenimpfung jenseits der Pharmalobby zu bilden.

Samstag, 10. Oktober 2009

Anagrammatische Doppelnamensgebung

Der Schwarzacker ist inzwischen geradezu entvölkert. Sogar der Traditionsbäcker hat lautlos seine Zelte abgebrochen (siehe Foto rechts). So bleibt mir nichts anderes übrig, als in der Mottenkiste meiner Erinnerungen nach einem zeitlosen Thema zu suchen:
Damals debattierten wir abendfüllend über die feministische Absurdität von Doppelnamen. Besonders ausdrucksstarke Kombinationen wurden kreiert, Namen von bekannten und fiktiven Personen kombiniert. Doppelnamen erfahren eine eigenartige Häufung in der Politik. Man denke nur an Däubler-Gmelin, Göring-Eckardt, Wieczorek-Zeul, Leutheusser-Schnarrenberger, Koch-Mehrin, Schröder-Köpf oder kleinere Lichterinnen wie Lösekrug-Möller, Dinges-Dierig, Dunger-Löper, Schnieber-Jastram, Junge-Reyer und so weiter. Nicht, dass ich die alle kenne.
Ich persönlich habe ein einfaches Kriterium festgelegt, für den Fall, dass ich mich im Laufe meines Lebens zu einer Eheschließung überreden lassen sollte: Für mich kommt ein Doppelname nur dann infrage, wenn er eine ausdrucksstarke Anagrammbildung zulässt. Zurzeit liebäugle ich ja mit einem Namenswechsel. Dann würde ich zwar hier auf dem Blog mein Pseudonym ändern müssen, aber mit dem Anagramm „Naja ehrlich Oma“ könnte ich gut leben. Ob ich es vorziehe, dass mir endlich mal „Joachim real nah“ kommt oder doch lieber „Majorca heil nah“ habe ich noch nicht letztgültig entschieden. Ich könnte den “Leichnam: J. O’Hara“ um Rat fragen.
Um in diesem Artikel auch den geneigten Lesern noch einen kleinen Anknüpfungspunkt zu bieten: Den „Schwarzackerblog“ halte ich für wenig heiratsfähig: Sein „Zwerchsack log bar“ während sein „Zweck arglos brach.“ Da ist nichts mehr zu machen.
Schönes Wochenende bei: anagramme.spieleck.de

Mittwoch, 16. September 2009

Geht Karlo zum Schamanen?

Seit heute darf man nun vom endgültigen Tod des Schwarzackers sprechen. Klingelschilder werden neu geschrieben. S. hat sich achselzuckend mit einem feuchten Händedruck verabschiedet und sich eingeredet, dass ja eigentlich gar nichts anders wird, sie sei ja auch bei facebook, oder so. C. ist eh dauernd zu Besuch und wirft argwöhnische Blicke auf ihre Hinterlassenschaften.
Ich flüchte in meine Magisterarbeit und damit in den Mikrokosmos des altehrwürdigen Lesesaals der Deutschen Nationalbibliothek zu Leipzig. Von den schweren Eichentischen sprach ich bereits, an die ich beinahe mein Notebook für immer und ewig festgekettet hätte. Neben dem Mobiliar gibt es immer wieder auch Besucher, die es wert sind, dass man über sie ein Wort verliert: Insbesondere die Pärchen haben meine ungeteilte Aufmerksamkeit, sofern sie einen Tisch in meinem Blickfeld besetzen.
Ein Pärchen, wahrscheinlich beide Tiermedizin studierend, schrieb am gemeinsamen Blog (www.karlos-welt.de). Ich hatte trotz meiner Kurzsichtigkeit den Blogtitel über seine Schulter hinweg erspähen können und wurde hinter seinem Rücken zur heimlichen Blogleserin – live und in Farbe. Thema: Der hauseigene Kater schießt aus Katerperspektive Fotos und kommentiert diese in Katermanier, leider sehr lieblos, was Rechtschreibung und Grammatik angeht und wirklich nicht mein Humor.
Ein weiteres Pärchen erregte über mehrere Wochen meine Aufmerksamkeit. Die lebhaften Hände der beiden ließen vom Schoß des jeweils anderen unterm Tisch nur selten ab. Die Frau prägte zudem die Atmosphäre mit ihrem intensiven, beißenden Körpergeruch, der ihr schon morgens gegen neun Uhr anhaftete. Der pheromongedopte Typ machte es sich zu allem Übel zur Gewohnheit, immer dann, wenn sie sich gerade ein Buch holte oder zur Toilette ging, seinen Wordtext-Bildschirminhalt gegen billige Pornobildchen zu tauschen, um gerade rechtzeitig zu ihrer Rückkehr wieder „am Text zu arbeiten“. An drei verschiedenen Tagen wiederholte sich dieses Schauspiel, sodass ich von einer gewissen Regelmäßigkeit ausgehe und meinen Platz seither sehr sorgfältig in weiter Ferne derselben wähle.
Ein dritter Banknachbar beglückte mich in dieser Woche mit einer äußerst aufschlussreichen Buchauswahl, die ich hier mal kommentarlos und gewohnt vorurteilsfrei visualisiere.

Montag, 24. August 2009

Gesucht: Muslimische Jungfrau aus Deutschland.

Zugfahren beschert mir hin und wieder einzigartige Einblicke in die Untiefen unserer multikulturellen Gesellschaft. Von der GamesCom in Köln fuhre ich gestern nach Aachen, eine Stunde RE1 am Nachmittag, dürftig klimatisiert, vollbesetzt.
Schon als ich mich für meinen Sitzplatz entscheide, fällt mir ein dünner, braungebrannter Mann auf, der ein zart rosa Hemd trägt. Er beobachtet mich mit einem starren Blick, wie ich durch den Gang stolpere und mich schließlich zwei Reihen vor ihn setze. Während der folgenden Stunde darf ich dem gut verständlichen Zuggespräch zwischen ihm und seiner zufälligen Zugbekanntschaft, einem 23-jährigen Studenten aus Köln beiwohnen. Beide haben sich soeben als Iraner bekanntgemacht und nutzen den angenehmen Zufall des deckungsgleichen Migrationshintergrunds zu einem Schwätzchen auf Deutsch. Den rosa Mann, den ich auf mindestens Mitte dreißig schätze, nenne ich Haschem. Zu dem muskulösen, gepflegten Studenten, der ein wesentlich besseres Deutsch spricht, passt der Name Ali. Ali ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Sehr zur Verwunderung Haschems ist er jedoch mit seinen 23 Jahren weder verheiratet, noch Vater vieler Kinder. Ali ist überzeugt: Seine Traumfrau muss zwar auch in Deutschland aufgewachsen sein, jedoch eine fromme Muslima und auf jeden Fall Jungfrau. Haschem pflichtet ihm bei und meint, er habe seine Frau im Iran gekauft. 31.000 Euro habe ihn das gekostet, mit der Hochzeit insgesamt 70.000. Ali hat sicher noch nicht so viel gespart. Haschem predigt eindringlich: "Jungfrau muss sein. Hörst du?! Das ist das Allerwichtigste. Und wenn sich dann nach der Hochzeit herausstellt, dass sie nicht Jungfrau war, Vater muss zweimal Brautpreis bezahlen." Ali nickt: "Es ist aber auch sehr schwer hier in Deutschland eine gute Frau zu finden. Die sind alle so beeinflusst durch die Medien, das Fernsehen und so weiter. Und außerdem: Wenn eine Frau schon mehrere Beziehung hatte, dann kann sie den Mann besser einschätzen, dann hat sie Erfahrung." Haschem: "Ja, das ist nicht gut. Es ist sehr schwer hier in Deutschland. Deshalb habe ich Frau in Iran geholt." Ich steige aus.

Andere Szene: Erst letzte Woche schnappte ich einen Gesprächsfetzen zwischen zwei arabischen Typen vorm Supermarkt auf, denen die Erleichterung ins Gesicht geschrieben stand und die einander auf die Schulter klopften, weil sie nicht mehr arbeitslos waren. Ich freute mich über ein winziges Zeugnis von Integration und war stolz auf mein Heimatland.
Mit der Zugszene im Kopf, wird mir auch eine Schattenseite klar: Diese ehrwürdige Toleranz bringt auch mit sich, dass man offensichtlich in einem mehrheitlich von Europäern besetzten Zugabteil in verständlichen, klaren Worten Frauen diskriminieren kann, ohne irgendeinen Einspruch befürchten zu müssen. Soll ich darauf etwa stolz sein?

Dienstag, 11. August 2009

Welt ohne Fernsehen und Sex

Mehrmals erntete ich in der vergangenen Woche verständnisloses Kopfschütteln aufgrund meines Bekenntnisses, (noch immer!) Google als Suchmaschine zu benutzen. Um ehrlich zu sein, ich sehe darin einen solidarischen Akt. Ich fühle mich so als aktiver Teil zahlreicher Verschwörungstheorien – welches Sinnpotenzial. Google liefert außerdem sehr aufschlussreiche Suchergebnisse, auf die ich meine hausgemachte Gesellschaftskritik gründen kann. Mir sind inzwischen die TV-Serien ausgegangen - Sommerpause, Staffelende etc. Da ich Bildschirmberieselung nach einem Tag in der Bibliothek jedoch sehr schätze, wagte ich den Versuch, nach einer neuen Serie zu suchen, die etwas mehr Inhalt transportiert und etwas weniger vorhersehbar ist. Mein Suchbegriff: „TV für Intellektuelle“ liefert innerhalb von 0,35 Sekunden ganze VIER Ergebnisse. Die Suche auf Englisch listet sogar noch weniger Einträge auf. Ich bin ratlos. Fernsehen und Intellektualität scheinen unvereinbar. Aber wer jetzt denkt, diese spannungsreiche Beziehung läge vor allem an dem Phänomen der Niveaulosigkeit von Fernsehen, der irrt. Es muss an der Eigenart der Intellektuellen liegen: Wie sonst könnte die Suche nach „Sex für Intellektuelle“ die Anzahl der Suchergebnisse noch unterschreiten: DREI!? Eine seltsame Schwere befällt mich. Ein Leben als Intellektuelle kommt für mich nicht mehr infrage, jedenfalls nicht in Googles Welt.


P.S. „Ein Intellektueller ist ein Mensch, dessen Geist sich selbst beobachtet.“ (Albert Camus)

Freitag, 7. August 2009

Googlegott, der du bist im Internetz...

Im Rahmen meiner diesjährigen Spontanurlaubsplanung habe ich Google-Earth wiederentdeckt und mir die zur Auswahl stehenden Feriendomizile auf den von anderen Urlaubern geposteten Fotos angesehen. Da dieser Service kostenfrei ist, wird neben den Fotos Werbung eingeblendet. Normalerweise ist mein interneterprobtes Hirn trainiert, diese "Sponsored Links" nicht zu beachten. Seltsamer Weise fielen mir jedoch diese Kuriositäten automatisierter Werbung ins Auge.

Auch wenn die Werbung vom Todes-Test offensichtlich eine computergenerierte Übersetzung ist, schätze ich dieses Kleinod in meiner Muttersprache besonders. Vielleicht erfahre ich hier, wann ich sterben muss, oder auch, ob ich jemanden umbringen werde, ohne es zu merken. Vielleicht eine Fliege oder einen Käfer? Wenn aber 5 Tonnen nur 2,99 Euro? Kosten, dann kann ich mir sehr viele Fliegenmorde leisten. Bei einem Durchschnittsgewicht von 75 kg kann ich für einen "e" auch 22 Menschen ins Jenseits befördern bzw. nur 4,5 cent pro Korpus berappen. Doch mit dem Tod habe ich nicht so viel am Hut. Ich bin am Leben interessiert und deshalb begeistert mich natürlich shopping.com mit seinem Angebot: Hier wird bewiesen, dass man für Geld doch alles kaufen kann. Sollte ich mich für eine Autobahnbaustelle entscheiden, kann ich im gleichen Laden auch die passenden Bauarbeiten erwerben. Ich spare sicher auch Porto, wenn ich eine Gesamtlieferung akzeptiere. Wunderbar! Das Internetz erfüllt alle meine Träume von Leben und Tod. Danke, Googlegott!

Donnerstag, 23. Juli 2009

Sex oder Religion – Grenzen der freien Entfaltung

Nachdem wir nun die Party ohne größere Personenschäden überstanden haben und C.s Tage auf dem Schwarzacker gezählt sind, ist hier eine seltsame Stimmung eingekehrt. Die letzten gemeinsamen Stunden erachten wir als so kostbar, dass wir einhellig beschließen, sie nicht mit dem kollektiven Konsum von USF zu verbringen. Wer jetzt aber hofft, der Schwarzacker sei endlich zu seinem Intellekt angemessenen abendlichen Diskussionsrunden bei Wein und Pfeife in der Küche versammelt, der irrt. Wir haben lediglich das Fernsehprogramm gewechselt und USF gegen gesellschaftskritische Reportagen getauscht – der größtmögliche Kompromiss der examinierten Weiber. Thematisch bilden wir uns zunächst zur Problematik der Winterhoffschen Tyrannen-Kinder weiter. Wir lernen, dass es intuitiv richtig ist, Nudeln auf der blanken Tischplatte auszubreiten, für den Fall, dass die Töchter sich weigern, den Tisch zu decken. Ein Vater im Film fragt sich, ob es denn gut sei, Kindern Grenzen zu setzen und sie durch Erziehung in ihrer Entfaltung einzuengen – zum großen Unglück ist er von Beruf Psychiater. Ein drittes Elternpaar lebt zwar getrennt, teilt aber die Meinung, dass das Töchterchen ruhig bei allen Kerlen der Welt übernachten darf, weil „offn un ährlüsch is rischdisch!“ Stillschweigend teilen wir den Gedanken an unsere behütete fromme Kindheit und Jugend.
Das Bildnis einer gefallenen Welt gewinnt an Plastizität durch die darauffolgende Sendung zum Pornokonsum von 10-14-Jährigen. Wenigstens entfährt einer 13-jährigen, die nicht mehr zählen kann, mit wie vielen Jungs sie schon geschlafen hat, (auch, weil sie meistens betrunken fern gesehen hat, während sie „ihn machen“ ließ), sie bewundere die Mädchen, die sich bis 17 oder 18 mit ihrem „Ersten Mal“ Zeit lassen. Dass Keuschheit einem Bewunderung einbringt ist mir neu. Da hat Dr. Sommer wohl seine Strategie geändert. Ich hab aber auch schon lange nicht mehr Bravo gelesen.
Gleichzeitig befällt mich Panik: Wie soll ich ohne religiöse Indoktrination meine Kinder je davor bewahren, Pornographie süchtige Tyrannen zu werden? R. sagt, dass sich jede Generation an die ihr gestellten Herausforderungen anpassen könne. Aber wer weiß schon, was die Herausforderungen von Zehnjährigen in zehn Jahren sein werden? Ich muss mal darüber nachdenken, ob es angesichts der vielbeschworenen „Zeiten, die immer schlimmer werden“, nicht klug ist, wenn überhaupt, dann so bald wie möglich Kinder zu bekommen. Ich werd mal die 10-Jährigen von heute befragen, was man dazu alles benötigt.

Montag, 13. Juli 2009

(P)INsecure

Seit Wochen verbringe ich die Wochentage in der altehrwürdigen Deutschen Nationalbibliothek, um meine Abschlussarbeit zu schreiben. Die rustikalen Massivholztische erlauben jedem Nutzer das Dimmen einer wunderschönen, dunkelgrünen Jugenstillampe sowie die Benutzung einer halben Steckdose. Darüberhinaus kann man am Tischbein gut ein Notebook per Kabelschloss anschließen. Ein solches Schloss mit Schlüssel lieh ich mir von S. schon vor einigen Wochen aus. Seit ich jedoch erfahren musste, dass man aus einem Kugelschreiber, einem Stück Klopapierpapprolle und etwas Klebeband bereits eine Vorrichtung bauen kann, mit dem es sich öffnen ließe, ging ich nicht mehr so beruhigt in die Mensa. Ein Sicherheitsleck in meiner Abschlussplanung. Nach langen Recherchen und einem Blick in den Geldbeutel entschied ich mich für ein Kombinationsschloss aus vier Zahlen. Gedacht, gekauft. Umgehend bekam S. ihr Schloss zurück und ich triumphierte ob dieser Lösung. Es sei sehr schwer zu knacken, sagte mir die freundliche Saturn-Mitarbeiterin am Samstag.
Nun, die Werkseinstellung von 0-0-0-0 konnte unmöglich bleiben, also änderte ich diese auf ein nostalgisches Datum. Im zweiten Denkschritt fiel mir jedoch ein, dass das sicher viele machten und dementsprechend auch viele den jeweils anderen unterstellten und dies wiederum die Kombinationsmöglichkeiten von 10.000 Möglichkeiten auf nur noch 366 herabsetzte. Ein enormer Sicherheitsverlust. Umgehend machte ich mich daran, die Kombination erneut zu ändern: Dazu musste man den großen Knopf mit dem Finger und eine kleine Vertiefung mit einem Stift gleichzeitig gedrückt halten. Ich stellte nun eine todsichere Kombination ein und lies Stift und Knopf locker, um die Rädchen wieder zu verdrehen. Leider klemmte der kleine Knopf und hüpfte erst irgendwann unbemerkt aus seiner Vertiefung - zu einem Zeitpunkt, an dem ich keine Achtung mehr auf die eingestellte Kombination hatte. Um es kurz zu machen: Das Schloss besitzt nun eine Zahlenkombination, die es nur selbst kennt. Ich habe inzwischen 2100 Kombinationen ausprobiert, immer fein in Hunderterschritten vorantasten, bis der Finger blutet. Leider erfolglos. Auch ein schönes Hackvideo half nichts, da meine Version den Schlitz, in den ich mit einem Streifen Coladose eindringen soll, um den Durchschuss der Rädchen zu finden, nicht besitzt. Davon abgesehen besitze ich auch keine Coladose. Die Verkäuferin hatte Recht. Ich kann mich also nichtmal bei Saturn beschweren...
S. hat mir erneut Schloss und Schlüssel für diese Woche geliehen.

Donnerstag, 25. Juni 2009

tempus fugit

Der letzte Blogeintrag ist auf den Tag genau einen Monat her. So lange war niemals Funkstille an dieser Stelle. Ein Jahr Bloggen - und schon ist uns die Puste aus gegangen? Ja, es bröckelt auf dem Schwarzacker, nicht nur von den Wänden. Es werden eifrig Nachmieter gesucht. Dauernd brechen hier fremde Leute ein, die die Traditionslinie, in die sie im Begriff sind sich zu stellen, nicht im Geringsten erahnen, noch zu schätzen wissen. Doch Tradition ist auch immer ambivalent! Das habe ich in der Leipziger Disputation 2009 von Herbert Schnädelbach gelernt. Christoph Markschies wollte unbedingt auf die Tradition stolz sein. Der Philosoph hingegen plädierte für den Respekt vor ihr, weil Respekt die Komplexität und damit die Ambivalenz der Tradition anerkennt und würdigt im Gegensatz zum unkritischen Stolz... Ich schweife ab.

Ein Geburtstag bietet auch immer die Gelegenheit, kurz und verstohlen zurück zu blicken. Damit die Rückschau nicht langweilig wird, ein paar wenige Superlative und die bescheidene Analyse der sonstigen Ergebnisse:












C. ist nach diesem Jahr die unangefochtene Siegerin in puncto Produktivität unter den AutorInnen. D., der sich äußerst selten zu Wort meldete, gewinnt, was das Kommentar-Verhältnis angeht. Die sechs AutorInnen scheinen gewissermaßen eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu spiegeln. Die Oberschicht setzt sich zusammen aus S. und den Hexen. Die Unterschicht aus den beiden Frischlingen (L. & D.) und der Weggezogenen A. Konsequent und hartnäckig geweigert, am kommunitären Reden teilzunehmen, hat sich der gleichnamige M. Folgerichtig wird er auch bei der großen Schwarzackerparty nicht mitfeiern dürfen. Da bleiben wir hart. Sein Mangel an Respekt vor der Tradition verletzt den Stolz der Elite zutiefst.

"So jung kommen wir nicht mehr zu sammen"- und "So schön wird's nie wieder sein"-Hymnen werden auf dem Schwarzacker nur sehr leise gesummt, wenn überhaupt. Die Schwarzackerinnen sind keine Kinder von Traurigkeit. Am 15. Juli 2009 werden alle Gefühlsduseleien ab 20 Uhr in hartem Alkohol ertränkt und der 11er-Hinterhof rockt. Alle Leser und Anverwandte sind herzlich eingeladen, die letzten Momente der Gegenwart und Anwesenheit (fast) aller zu zelebrieren.

Es ist auch an der Zeit, in die Zukunft zu blicken: Die Umfrage ist beendet und das Geburtstagsgeschenk, das die 12 Abstimmenden dem Schwarzackerblog gemacht haben, ist einigermaßen widersprüchlich. Von zehn möglichen Antwortmöglichkeiten gab es zwei Optionen für Unentschlossene (Weiß nicht; Weiß ich echt nicht) und jeweils vier Ja- bzw. Nein-Stimmen-Angebote. Da mehrere Antwortmöglichkeiten zugelassen waren, ist es nicht so leicht, die Ergebnisse zu interpretieren.
Zunächst kann ich die beiden Stimmen für die Unentschlossenen-Option abziehen, denn das sind meine eigenen. Bleiben noch 11 WählerInnen. Ein(e) einzige(r) ist der Meinung, dass eh keiner das Blog liest. Herzlichen Glückwunsch zu so viel Nüchternheit! Hier zeigt sich wohl der einzige Leser oder die einzige Leserin, der oder die der Wahrheit ins Auge blicken konnte. Ich unterstelle hier eine gewisse Antwortkonsistenz und gehe nun für die restlichen Stimmen von zehn WählerInnen aus - die von Extremwerten bereinigte Auswahl.

Fünf Stimmen repräsentieren die Unsterblichkeitsphantasien der Abstimmenden und repräsentieren damit die transzendenzaffine Esoterikfraktion in der Leserschaft - immerhin die Hälfte. Ebensoviele Stimmen bestätigen die Vermutung einer emotionale Leserbindung ("liebgewonnen"). Zwei Abstimmende möchten das Blog gar zur Trennungsschmerzbewältigung nutzen. (Im Rahmen meiner Abschlussarbeit zur Onlineseelsorge kann ich mich Ihnen an dieser Stelle als Austauschpartnerin anbieten.)

Die größte Fraktion, 90 Prozent!, rechnet mit neuen Themen im neuen Leben. Einer solchen Votierung kann sich auch eine kulturpessimistische Protestantin nicht verschließen.
Freilich, die Tradition erlebt immer wieder Abbrüche und Neuaufbrüche - Interpretation, Umdeutung und Weiterentwicklung. Doch die gruppendynamischen Prozesse sind unwiderruflich der Erosion preisgegeben. Ist das Kollektiv, das die Tradition trägt und bewahrt, vollständig entbehrlich? Ich habe viele Fragen, doch an einem Geburtstag soll man auch nicht zu viel lamentieren: Ich gratuliere der virtuellen Jubilarin "Schwarzackerblog" und wünsche ihr für ihr neues Lebensjahr eine neue Vitalität, geprägt von neuen Themen, gewürzt mit einer Prise Nostalgie. Ich bin gespannt und lasse mich überraschen.

Montag, 25. Mai 2009

Fünf Zucker - fünf Milch

Mit der Bahn kommt man rum, zum Beispiel einmal quer durch die Republik: IC Köln-Leipzig, Montag 11:49. Dabei trifft man gelegentlich auch die Reichen und Schönen dieses Landes, da sie von Verspätungen und verpassten Anschlüssen ebenso wenig verschont werden, wie alle anderen: die große Gleichmacherin Bahn.

Auf halber Strecke zwischen Köln und Leipzig, in Hannover, füllt sich der Zug schlagartig. Ich sitze mit einer anderen weiblichen Schönheit an einem Vierertisch, gegenüber versetzt, um der Beinfreiheit Willen. Ein hagerer Herr nähert sich, mit Mühe einen abgewetzten Alukoffer schleppend, sieht auf meine Handtasche, die neben mir den Sitz belegt und fragt eher rhetorisch: „Hier ist doch noch frei?!“ Ich blicke wortlos auf, räume den Sitz leer und will mich gerade wieder dem Eckstein widmen, da sehe ich eine Frau im Stechschritt hinter dem Typen herkommen. Entrüstet zischt sie ihn an, dass er das nächste Mal gefälligst vorsichtig mit seinem Koffer sein solle und mehr aufpassen und Rücksicht nehmen. Er schenkt ihr keinerlei Beachtung und hievt genervt sein verbeultes Gepäckstück auf die Ablage, wo es bei jeder Be- und Entschleunigung des Zuges zwischen zwei Trennwänden pendelt. Die Dame wirkt irritiert, hilflos, geht an ihren Platz zurück. Ist er ihr etwa über den Fuß gefahren? Ich habe nichts gesehen, aber meine geschlechtersolidarische Neigung lässt mich den Kerl sofort als arrogantes Arschloch einstufen. Er hat sich nicht wofür auch immer entschuldigt und auch nicht nachgefragt, was denn passiert sei. Das ist für mich ein schweigendes Eingeständnis.

Kaum fünf Sekunden sitzend, den Laptop aufgeklappt, fragt er mich, was ich dächte, wie lange ich die Steckdose noch benutzen wollte. „Es sind zwei.“, antworte ich. Nun, das war zwar keine Antwort auf seine Frage, aber was wollte ich ihm damit sagen? Etwa, dass wir uns gar nicht um eine Steckdose streiten müssen? Langsam dämmert ihm, was ich meine. Beobachtungsgabe scheint nicht zu seinen Stärken zu gehören.

Der rollende Krämerladen der Bahn nähert sich leise von hinten: Mister Ignorant bestellt Kaffee und quetscht den Pappbecher zwischen unsere beiden Notebooks, wo er bereits sein Mousepad deplatziert hat – ein Buch von Richard David Precht über „Lenin“, der „nur bis Lüdenscheid“ kam. Ich denke, im Zug wäre mir eine Maus, noch dazu mit Pad viel zu umständlich und Platz raubend, noch dazu ein dickes Buch. Eventuell ist ja sein Touchpad defekt, überlege ich entschuldigend. Nun, ein Kaffee kommt selten allein. Mein Nachbar gewinnt die Eigenschaft „exzentrisch“ hinzu. Der Grund sind exakt fünf aufgerissene Milchbecher, die er wie eine Balustrade vor sein Notebook gruppiert, sowie exakt fünf Tütchen Auszugszucker. Alle zehn Behälter werden in den Kaffeebecher geleert.

Das Handy klingelt. Sein Akku macht gleich die Mücke. Leute wie er haben normalerweise Blackberries und jammern nicht über Akklaufzeiten. Er redet von Lesungen und Illner und dass er auf dem Weg „in den Osten“ sei. Das lässt mich aufhorchen. Er lobt Fotostrecken, in denen er eine Erde, nein, eine Handvoll Erde in der Hand habe. Er bedankt sich für eine gelungene Produktion und warnt vor der Veröffentlichung unvorteilhafter Bilder. Eigen-PR scheint er zu beherrschen, wo es ihm berechenbar nützt. Höflich zu Lieschen Müller kann er nicht sein.

Langsam dämmert mir auch, woher ich dieses Gesicht kenne: Ich habe ihn bei Beckmann im Fernsehen gesehen. Die Realität ist enttäuschend. Er entbehrt hier im Unterschichtabteil jeder eloquenten Demut. Vielleicht wirkt die Umgebung auf ihn, wie Blattwerk auf ein Chamäleon. Vielleicht hat er die Anpassung längst perfektioniert. Später am Abend lese ich über sein nächstes Buchprojekt und bin ab da überzeugt, dass ich Zeugin einer Feldstudie im Selbstversuch wurde: „Die meisten Menschen wollen gut sein, sind es aber nicht. Wie kommt das eigentlich?“

Die Buchbranche scheint ihn momentan von Hotelzimmer zu Hotelzimmer zu hetzen. Die Pseudo-Intellektuellen haben schließlich seinen Marktwert entdeckt, ein Philosoph, der dem Volk aufs Maul schaut und auf die Finger. Ich schaue wiederum ihm auf die Finger und entdecke: Sein rechter Zeigefinger bewältigt die komplette Texteingabe. Der linke Zeigefinger wird lediglich zur Betätigung der Shift-Taste gebraucht. Wie kann man Bücher mit anderthalb Fingern schreiben? Meine ganze Bewunderung gilt dieser Technik. Meine ganze Bewunderung gilt am Ende deshalb Richard David Precht, dem ich kurz vor Ankunft seine halbvolle Apfelschorle klaue, nur um seine DNA in meiner Handtasche mit nach Hause nehmen zu können. Naja, eigentlich nur, damit ich darüber dann auch bloggen kann. Eine weitere Inszenierung in diesem Theater.

Freitag, 22. Mai 2009

Ist ein Blog unsterblich!

Heute habe ich gelernt, dass man in MMORPGS nicht sterben kann, sondern unbegrenzt oft wiederbelebt wird. Dem Avatar sei dann eine Weile übel und er agiere etwas langsamer, doch die Kampffähigkeit sei nur von einem vorübergehenden Schwächezustand verringert. Sehr bald könne man sich zu neuen Levels, Accessoires und Reichspunkten aufmachen.
Der Schwarzackerblog hingegen geht seinem ersten Geburtstag auch ohne bedrohliche Kampfsituation in einem elementaren Schwächezustand entgegen. Dabei hatte es so vielversprechend angefangen. Eine grafische Darstellung soll den Verlauf übersichtlich visualisieren.


Mir ist gerade ein wenig mulmig im Magen, weil ich die Zick-Zack-Linie minutenlang angestarrt habe und sie mir dennoch ein Rätsel blieb. Die Extremwerte im Oktober und November sind nicht plausibel zu erklären. Doch Biographien sind heutzutage von Brüchen geprägt, Einschnitte sind nicht zwingend vorhersehbar. Immer wieder finden sich neu Formen, neue Rituale, neue Abschnittsgefährtinnen. Die Schwarzackerära in ihrer Ursprungsbesetzung geht inzwischen vorhersehbar ihrem Ende entgegen. Ein letztes Aufbäumen gegen diese dunkle Zukunft hielte ich für eine angemessene Reaktion. Ich rufe alle AutorInnen zur digitalen Reanimation auf: Sendet Balladen und Trauergesänge, stimmt Nostalgie-Hymnen und Lobhudeleien an, schwingt Büttenreden und erdenkt Meditationen. Der virtuelle Textraum ist nur noch wenige Wochen geöffnet und wird in diesem Rahmen noch in diesem Sommer für immer geschlossen werden. Kein Blog ist unsterblich, nur die Erinnerung kann uns niemand nehmen. *schluchz*

Donnerstag, 30. April 2009

Fritten mit Sommergartensauce

Seit einer Woche wohne, „arbeite“ und esse ich in Aachen. Das liegt aus Schwarzackerperspektive unvorstellbar weit westlich und bietet genug Befremdliches für einen mittelschweren innerdeutschen Kulturschock. Hier ist die Brisanz der Integration unübersehbar deutlich. In der Idylle des Schwarzackers hört man ab und zu mal ein russisches Wort. Obst, Gemüse und Bier werden an der Ecke von einer asiatischen Familie verkauft, über deren genaue Herkunft ich leider keinerlei Kenntnis habe. Doch hier auf dem Adalbertsteinweg gehöre ich im Süpermarket gegenüber zu einer Minderheit und das ist keine Übertreibung. Um mich dem Kleidungsstil der Umgebung minimal anzupassen, trage ich die zurückgelassene Polyesterhose der polnischen Ex-Freundin und vermeide es, um nicht farblich aufzufallen, meine zartostrosa Regenjacke anzuziehen. Ich fühle mich ein wenig fremd in meiner zweiten Haut und gehe wenig vor die Tür.
Heute jedoch scheint erstmals die Sonne und so beschließe ich, bevor ich übermorgen wieder gen Osten fahre, die Innenstadt zu erkunden und irgendwo zu Mittag zu essen. In der Fußgängerzone sehe ich schon von Weitem eine mittelmäßig lange Warteschlange an einem Imbiss. Den Andrang nehme ich als ein Zeichen für Qualität. Vermutlich gibt es dort zwar keine Bananen, aber sicher eine andere seltene Köstlichkeit, für die man sich im Westen in der Mittagspause bereitwillig anstellt. Als ich näher komme, erkenne ich eine Pommes-Bude. Hm, enttäuschend. Reflexartig weiche ich wieder einen Schritt zurück, beobachte das Treiben einige Minuten und rekapituliere, wie lange es her ist, dass ich Pommes gegessen habe: Zugegeben, an D.s Diplomfeier habe ich S. eine Pommes vom Teller geklaut, aber für mich habe ich seit Jahren keine Pommes mehr irgendwo bestellt.
Ich beschließe, mir dieses Diätvergnügen zu gönnen und stelle mich an der inzwischen etwas kürzeren Schlange an. Mir bleibt also nicht viel Zeit, zu überlegen, welche der ca. 25 angebotenen Saucen und Dips ich haben möchte. Mal sehen. Was nehmen denn die anderen? Die Oma vor mir bestellt eine große Portion „Fritten mit Sommergartensauce“. Mmh, das klingt nach leckerem, leichtem Gemüse. Das würde ich auch gerne nehmen, nur kann ich die Sommergartensauce auf den Menütafeln nirgends entdecken. Vielleicht ein Geheimtipp? Doch noch bevor Oma ihre Portion serviert bekommt, werde ich nach meinem Wunsch gefragt. Ich bin überfordert, bestelle eine kleine Portion mit Curryketchup und suche nebenher noch immer vergeblich nach Omas Sauce. Dann bekommt sie ihr Essen: „Einmal Fritten mit Sauerbratensauce!“ Ich hatte mich wohl verhört. Angesichts der rotbraunen Pampe mit fetten Fleischklumpen, die in die Lücken ihres Frittengerüstes hinein rinnt, bin ich erleichtert, ein profanes Ketchup erwischt zu haben, setze mich mit meinem Tütchen auf einen Stein in der Sonne und freue mich über Kalorien für 2,50 €.

Sonntag, 8. März 2009

Kerze aus - Kerze an

Es wird zwar immer gemeckert, wenn zwei Einträge an einem Tag gepostet werden, aber am internationalen Frauentag, zu dem mir heute noch kein Mensch gratuliert hat, muss ich die Gelegenheit ergreifen, diesen Umstand anzuprangern. Zugegeben, M. ist entschuldigt, da er heute ausnahmsweise Geburtstag hat. Sein Präsentkorb erwartet ihn in seinem Zimmer, wenn er heute von Mutti nach Hause kommt. Ich bezweifle allerdings, dass er den Schwarzackerinnen an ihrem heutigen kollektiven Ehrentag ein adäquates Gegengeschenk machen wird. Er wird vielmehr geblendet von Doppelkeksen, Fleischsalat, Ketchup und Maggi-Toskana-Pulver sein Kerzchen ausblasen und die Tränen der Rührung aus den Augenwinkeln wischen. Wir haben uns den erlesenen Spaß immerhin 2,97 Euro kosten lassen. Für diesen geringen Betrag bekommt man heutzutage vermutlich auch ein bis drei langstielige Rosen, eine Schachtel russische Bitterpralinen oder ein Pfund Cappuccino-Pulver. Da wäre doch für jede etwas dabei. Ich mache mir dennoch keinerlei Hoffnung, dass außer Alice Schwarzer und mir noch jemand an den Frauentag denkt. C. und S. vollenden in diesen Minuten ihre Realitätsflucht per Trickfilmlektüre und L. hat bereits am Mittag beschlossen, dass sich ein Besuch des Schwarzackers heute nicht mehr lohnt. Ich fühle mich unterrepräsentiert und zurückgelassen. Ich werde nun eine Kerze anzünden für die Frauen dieser Welt.

Dienstag, 24. Februar 2009

Hilfe, ich werde diskriminiert!

Vor wenigen Tagen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen und wage nun vorsichtig erste Schritte im beschwerlichen Alltag des Schwarzackers ohne ärztliche Fürsorge und Kontrolle. Die erste große Hürde - die Umstellung meines stationären Biorhythmus - habe ich erfolgreich bewältigt. Ich wache ohne Wecker halb neun, statt 5 Uhr auf und beginne gegen halb zehn meinen Rundgesang unter der Dusche. In meinem ganzheitlichen anthropologischen Selbstkonzept lasse ich „meine Seele singe[n]“ und starte „wohlauf“ gut drauf in den Tag. Die eingängige Gute-Laune-Melodie verschafft den Wand an Wand Angesiedelten jedoch derart hartnäckige Ohrwürmer, dass ihre Wirkung ins Gegenteil umschlägt und noch vor deren Aufstehen schlechte Laune bewirkt und damit eine denkbar schlechte Verhandlungsbasis für die eventuelle Putzbefreiung, die ich anstrebe. Hm, wenigstens eine Sportbefreiung habe ich diskussionslos von meiner Ärztin bekommen. Alkohol ist momentan leider strikt verboten. Tilidin, mein geschätztes Opioid, würde sich darin suhlen und zu ungeahnten Wirkstärken angespornt werden. Das möchte jedoch niemand auf dem tristen Schwarzacker riskieren. Am Ende würde meine gute Laune noch zu einer ausgewachsenen Manie mutieren. Meine geschätzten flat mates lassen in diesem Punkt nicht mit sich reden. Stattdessen lassen sie keine Gelegenheit aus mich kontinuierlich und ausführlich auf meine körperlichen Dysfunktionen hinzuweisen und mich zu beschämen. Sie wollen damit bewirken, dass ich weniger singe.

Freitag, 13. Februar 2009

Zusatzqualifikationen

Putzfrauen heißen heutzutage Gebäudemanagerinnen (GM). Putzfrauen in Krankenhäusern erwerben aufgrund des spezifischen Arbeitsmilieus eine gewisse medizinische Qualifikation. Die GM von Station Eins hat jedenfalls enorme Kenntnisse und eventuell eine große Familie. Woher ich das weiß? 6:30 werde ich hier buchstäblich aus dem Bett geworfen, denn dann müssen die Kissen aufgeschüttelt werden. Die ärztliche Visite kommt gegen 8:00. Dazwischen bleibt genug Zeit, dass mindestens einmal die GM hereinschneit, um ihre Morgendiagnose zu stellen. Meine gegenüberliegende Bettnachbarin hat von der Infusion einen Ausschlag bekommen und klagt über Juckreiz an der Einstichstelle. Die GM wirft kurz einen prüfenden aber geübten Blick auf die Armbeuge: „Ganz klar, das ist eine allergische Reaktion auf einen Bestandteil der Infusionsflüssigkeit. Das hatte meine Schwägerin auch. Lassen Sie sich aus dem Schwesternzimmer einen Kühlakku geben und fragen Sie nach einer Salbe. Und sagen Sie bei der Visite, dass Sie die Infusion nicht vertragen haben.“, sprach sie und hatte nebenbei das komplette Zimmer feucht gewischt. Meine Mitbewohnerin im Nebenbett hat Beulen von den Infusionen bekommen. Auch hierauf weiß die GM einen Rat: „Da ist die Infusion ins Gewebe gelaufen. Hat die Schwester wohl daneben gestochen. Immer schön die Beule massieren. Das hat bei mir seinerzeit auch geholfen.“ Sie wischt inzwischen das Bad. Die Reinigungsarbeiten sind abgeschlossen. Sie schaut mich fragend an. Vielleicht sollte ich ihr meinen eingewachsenen Zehennagel hinhalten oder mein zugeschwollenes Auge oder ich zeige ihr vielleicht die eine Backenzahnplombe, die immer zieht, wenn ich Schokolade esse. Ich bin jedoch verunsichert, ob der Wissenserwerb auf einer orthopädischen Station umfangreich und breit genug ist, um chirurgische, ophthalmologische oder odontologische Probleme zu lösen. Deshalb ignoriere ich ihren erwartungsvollen Blick und wünsche ihr einen schönen Tag. Zehn Minuten später kommt die ausgewiesen fachkompetente Visite und stellt mich vor die vollendete Tatsache eines formschönen Bandscheibenvorfalls. Ich will nach Hause.

Donnerstag, 12. Februar 2009

Miez, miez, miez

Nein, ich lausche nicht. Ich bin seit nunmehr drei Tagen unfreiwillig integrativer Bestandteil der Privatsphäre zweier Mittfünfziger. In einem Dreibettzimmer, in dem sich zwei mittelmäßig Schwerhörige unterhalten, liegt die größte Herausforderung eher in der Fähigkeit, wegzuhören. Da ich jedoch melodic metal im Ohr nur für wenige Stunden aushalte, komme ich während der Metal-Pausen in den Genuss des, ich nenne es mal geriatric screaming – eine Geräuschkulisse der besonderen Art. (Ich sehe schadenfrohe Gesichter vor den Blog-Bildschirmen.) Glücklich preisen kann ich mich dennoch aus zwei Gründen: Im USF-Bereich kann mich nach mehrjähriger Abhärtung auf dem Schwarzacker wahrlich nichts mehr schocken. Darüberhinaus bin ich die einzige Zimmerbewohnerin, die in der Lage ist, die Fernbedienung handzuhaben. Sie wird von der Nachbarin zunächst fälschlicherweise für mein Handy gehalten und deshalb auf meinem Nachttisch platziert. Erster schwerer Fehler. Beide Mitbewohnerinnen fühlen sich auch nach erfolgter Aufklärung nicht ausreichend kompetent, die gerade mal sechs Funktionstasten zu überschauen (power; lautlos; zwei Lautstärkeregler und zwei Kanalwahltasten). Eine Millisekunde kommt die Lehrerin in mir in Versuchung, ihrer Großelterngeneration die nicht einmal moderne Technik didaktisch nahezubringen. Doch dann werde ich mir meiner einmaligen Chance bewusst, mich als alleinige TV-Diktatorin zu behaupten, denn auch inhaltlich befinden sich die Fernsehgeschmäcker im Mikrokosmos von Zimmer Drei in einem brennenden Generationenkonflikt. Anfangs bin ich noch überzeugt, die Greisinnen unterhielten sich über ihre schweren Lebensschicksale (Krebs, Scheidungen, Herzleiden, Unfälle). Aber nein, bei längerem Nicht-Weghören erkenne ich Symptome schwer Lektüreschäden durch öffentlich-rechtlichen Serienkonsum. Am Abend wird nach dem 19:30 Schnulzenformat standardmäßig mit den Ehemännern telefoniert. Zutiefst betroffen analysieren die Partner miteinander den Serienfortgang. So schlimm, so dramatisch wie heute Abend sei es wirklich lange nicht gewesen, die arme Diana*, und die gemeine Barbara** (*/** Namen frei erfunden). Einer der Ehemänner holt zum Trost die Katze an den Apparat, woraufhin die Patientin laut zu schnurren und zu miauen anfängt. Eine großzügige Metal-Dosis verhindert psychische Schäden meinerseits. Erkenntnis: Selbstmedikation sichert im Krankenhaus das Überleben. Ich verabreiche vorläufig keine weiteren TV-Sendungen und verstecke die Fernbedienung in meiner Handy-Tasche.