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Montag, 14. September 2009

Provinz

Am interessantesten sind doch immer die Leute, die man an einem neuen Ort kennenlernt. Ob das nun die Lehrerin ist, die mich anspricht mit den Worten: “Als ich sie das erste mal sah, da fiel so das Licht auf sie und es lief mir eiskalt den Rücken hinunter.” Natürlich wundert man sich über eine solche Aussage. Doch die Erklärung folgt: Ich sähe genauso aus wie die im letzten Jahr an Krebs recht jung verstorbenen Arztfrau von L. Natürlich hat sie das dem Arzt sofort mitgeteilt, der wohl etwas verstört darauf reagiert hat. Mir wurde geraten, nicht in seine Praxis zu gehen, da er wahrscheinlich nicht damit umgehen könne. Oder die Sekretärin, die vor mir, bevor sie mir meine Kopiernummer aushändigt, ihre neue bei Otto bestellte und eben angekommene Bluse auslegt, um meine Meinung dazu zu hören, welches Unterteil man dazu kombinieren könne. Oder der Lokführer, der mit mir früh 4.15 Uhr auf den verspäteten Zug wartet und mir mitteilt, dass das Leben vorbei ist, wenn man erstmal arbeitet, vor allem wenn man einen solchen Fahrplan hat wie er. Kein abendliches Bier mehr mit den Kumpels. Er wartet auf die Rente, obwohl er sicher nicht älter als 45 ist. Er fragt mich, was ich um diese Uhrzeit hier täte, da er mich doch letzte Woche schon sah. Ich erzähle ihm von L. Sein Kommentar dazu ist: “Alles Inzucht da unten. Da kam ja niemand hin. War ja fast Sperrgebiet. Die haben sich immer nur untereinander gepaart.” Im Zug sitzt eine Frau, die mit ernstem Gesicht einen Test zum Thema “Welcher Salztyp bin ich?” macht. Ich muss ein bisschen lachen und harre der nächsten Begegnung mit einem dieser spaßigen Inzuchtmenschen.

Dienstag, 7. April 2009

Schwarzackerdiplomfeier

Nun ist es wieder einmal soweit. Ein Schwarzackerianer beendete sein Studium und ist nun Diplom-Informatiker. Anlässlich diese Ereignisses lud er die 5 und die 11 in den Minoas-Palast ein. Ein kostenspieliger aber lohnenswerter Abend. Nachdem die 11, wie erwartet, eine halbe Stunde zu spät auftauchte und E. schon gegessen hatte, riefen wir ein Taxi und ließen uns zum Restaurant kutschieren. Eine Art Mafia hieß uns willkommen, geleitete uns ins Hinterzimmer und setzte uns mit unheimlich aussehenden Gestalten an einen Pokertisch. M., der damit gerechnet hatte, reichte seine Pomadedose herum. Eine halbe Stunde später verließen wir, bis auf die Knochen entkleidet, das Haus, besser gesagt, wir wurden hinausgeschmissen, weil L. wieder versucht hatte zu schummeln. D. und S. wurden geteert und gefedert, weil sie Asse im Ärmel hatten und die griechische Mafia nicht wusste, dass das hier normal ist. Also setzten wir uns auf die Straße, L. holte ihre Gitarre heraus und H.-G. sang dazu die schönsten Melodeien. Von dem ersungenen Geld, kauften wir uns Kleider und gingen Essen. So wurde es doch noch ein vollkommener Abend: M. erkannte sein zweites Ich und lernte es lieben, S. und E. konnten wiedermal beweisen, dass sie zwar von Mathe keine Ahnung haben, aber die Begriffe kennen, C. konnte ihre Kette zerreißen, L. konnte ihr neues Kleid tragen und D. durfte zahlen.

Dienstag, 23. Dezember 2008

Mein neues Kleid

Der Schwarzacker ist jetzt, bis auf eine Ausnahme, entvölkert, man ist in die Heimat gefahren. Zum Glück gibt es auch bei den Eltern inzwischen W-Lan, so dass man sich in Ruhe in sein ehemaliges Zimmer setzen kann, welches inzwischen eher wie eine Abstellkammer für alle Möbel, die nicht zusammenpassen aussieht, und das Blog weiterführen. Und es ist ja so schön, wieder in der Heimat zu sein. Heute morgen z.B., als ich noch schlief, stahl sich meine Mutter in mein Zimmer und sucht in meinem Gepäck, nach einer Hose, die ich zum Färben mitgebracht hatte. Dabei fand sie ein Kleid, welches ihrer Meinung nach aussah, als könnte es auch etwas schwarze Farbe gebrauchen, da es ziemlich verblichen war. “Das hat C. sicher auch zum Färben mitgebracht”, dachte sich meine Mutter, und berichtete mir beim Frühstück vergnügt von ihrer guten Tat. Sie war erstaunt, dass ich mich nicht darüber freute, mich im Gegenteil darüber aufregte, dass mein vor zwei Wochen gekauftes neues Kleid nun in einem Meer aus schwarzer Farbe badete obwohl ich gestern, als ich es einpackte noch keine Farbschwächungen feststellen konnte. Eben berichtete sie mir, das Kleid sähe jetzt auf jeden Fall nicht schlechter aus. Irgendwie fehlt mir der Schwarzacker...

Samstag, 4. Oktober 2008

Unter Schwestern

In der letzten Woche war ich auf der ersten Diakonissentrauerfeier meines Lebens und obwohl ich großen Respekt vor diesen Frauen habe, denke ich, dass dies nicht meine Berufung ist. Schon mein, meiner Meinung nach, wirklich seriöses Beerdigungsoutfit fand Ungnade (ok, das Kleid war vielleicht etwas kurzer als die Gewänder der Schwesternschaft und Stiefel kennen die wahrscheinlich nur aus Filmen mit Prostituierten, ach nein, sowas gucken die ja auch nicht, egal). Eine besonders interessierte Schwester fragte mich in schnippigem Ton, ob ich nicht frieren würde. Zum Glück antwortete meine leibliche Schwester für mich, dass dies kein Problem wäre, da wir gerade Tischtennis gespielt hätten. Ich denke nicht, dass die Diakonisse der Meinung war, dass dies eine angemessene Beerdigungsaktivität sei. Bei der Ansprache der Oberschwester (die genauso hieß wie ich!), in der sie erklärte, wie so eine Beerdigung normalerweise abläuft, passierte mir das nächste Malheur. Sie erzählte in die Stille des Raumes hinein, dass die Schwestern normalerweise direkt hinter dem Sarg herliefen und dabei überlegten, wer aus ihrem Kreis wohl die nächste sein würde. Sie formulierte es wohl etwas anders, aber das Bild war zu schön und ich musste gegen meinen Willen lachen, während die strafenden Blicke meiner Verwandtschaft, die die Situationskomik nicht erfasst hatte und sich fragte, wie man in meinem Alter so wenig Anstand haben konnte, mich ächteten. Der Rest des Tages lief dann doch noch glimpflich ab, ich gab mir Mühe und lachte nur, wenn es erwünscht war, hielt mich beim Essen zurück, zog mein Kleid so tief wie möglich nach unten und freute mich beim Anblick der grell-blauen Schwesterngewänder darüber, dass ich mir meine Klamotten selbst aussuchen kann.

Dienstag, 23. September 2008

Zyklusberechnung: Tag 18 - und weiter?

Zyklen bestimmen auch das Leben in einer gemischt-geschlechtlichen WG. Einen wichtigen Zyklus gibt zum Beispiel der Putzplan vor. Geputzt wird bei uns immer an einem Tag zwischen Donnerstag und Dienstag. Schieben ist auch mal ausnahmsweise erlaubt, wenn einstimmig entschieden wird. Die Kärtchen für Küche/Bad/Flur wandern im Wochenrhythmus von S. zu E. zu M. und wieder zu S. Das Erinnerungs-Kärtchen für die Leerung des Staubsaugerbehälters verschwindet regelmäßig in selbigem. Die Bedienungsanleitung hat Dr. B. geklaut. Das Kärtchen für die Treppenhausreinigung ist nur noch ein Relikt aus alten Tagen - das machen jetzt externe niedriglohnempfangende Gebäudemanager.

Interessant ist, dass jede der drei WG-internen Putzen völlig ohne fremde Anleitung auch mehrere Nischenaufgaben für sich entdeckt hat:  S. putzt als Einzige den Badspiegel streifenfrei und sichert zuverlässig das Überleben der Balkonpflanzen. E. zeigt sich alleinverantwortlich für die Entkrümelung des Toasters und das regelmäßige Spülen der Herdknöpfe. M. ist exklusiver Papiermüll-entsorger und Geschirrtrockner. Wir sind organisiert. Wir arbeiten gabenorientiert.

Ein weiterer lebensstrukturierender Zyklus ist M.s Körperpflege. Einmal wöchentlich schließt er sich bei Kerzenschein mit Pearl Jam in sein gefliestes Heiligtum ein. Das rhythmische Quietschen des Auf-und-Zu-und-Auf-und-Zu des Wasserhahns zeigt zuverlässig den Wochentag an. Es ist Donnerstag - es ist Rasiertag.

Neuerdings ist mittwochs Vierzig-Grad-Schlüpfer-Waschtag. Auch die gute Candy arbeitet in Zyklen, denn M. besitzt nach eigenen Angaben nur siebzehn Schlüpfer und wenn er zum Beispiel am Sonntag für vierzehn Tage in ein Land ohne Waschmaschinen verreisen wollte, müssten mittwochs alle verfügbaren Unterhosen gewaschen werden, damit sie rechtzeitig trocknen könnten. Denn Donnerstag plus Freitag plus Samstag ist gleich drei. Vierzehn braucht er im Urlaub. Macht zusammen siebzehn. Ich frage mich, ob er am Waschtag-Mittwoch keine anzieht oder ob er sich verrechnet hat. Und wenn er wiederkommt, sollten die drei Daheimgebliebenen frisch gewaschen im Schrank liegen, damit das saubere Leben im Schritt nahtlos weitergehen kann?

M. ist ein berechnendes Wesen. Durch vorherige Berechnung erzielt er im Alltag Erfolgserlebnisse in regelmäßigen Abständen und schafft damit einen ganz besonderen Zyklus.

Samstag, 20. September 2008

Dem Kasper seine Frau...

Eben beim Mittagessen dachten wir darüber nach, was wohl einmal aus uns werden würde, ob wir uns je wiedersehen werden, wer von uns wahrscheinlich einmal Arbeit hat und wer es im Leben zu nichts bringen wird. Ich wurde in die letztere Gruppe einsortiert, allerdings wurde mir und noch einer Person ein sicherer Psychiatrieplatz prophezeit (Und das nur, weil ich die Farben grün und blau kombiniere!). Daraufhin fingen wir an, zu phantasieren von einem Leben auf Kosten des Staates und der Freiheit, den ganzen Tag tun und lassen zu können, was man will, ohne dafür verantwortlich gemacht zu werden. So beschlossen wir, uns kommunitär in einer Psychiatrie niederzulassen und wollen hiermit Interessierte zu unserem Projekt “Gemeinsam leben auf Kosten des Staates” herzlich einladen. Und das Schöne ist, wir bieten auch gleichzeitig Kurse für uns an, M. macht Sportkurse, S. lehrt Französisch, ich biete einen Tonfigurenkurs an und bei E. kann man die dunklen Seiten des Internets kennenlernen. Interessenten können sich in den nächsten Tagen bei uns melden. Das Projekt startet eventuell nächstes Jahr, es sei denn, das nächste Mittagessen bringt eine bessere Idee zur Lebensbewältigung hervor.

Freitag, 29. August 2008

“Wir freuen uns glücklich!”

Und das des Öfteren. Die einen freuen sich darüber, dass es etwas zu essen gibt, andere, dass endlich eine neue House-Folge im Internet hochgeladen wurde und manche von uns über beides. Im Fernsehen “freut” sich die gesuchte Schwiegertochter “glücklich” darüber, dass ein wirklich unansehnlicher Mann ihr einen Heiratsantrag gemacht hat. S. freut sich darüber, dass er so gut aussieht (vgl. “Ich bleib schon öfters mal vorm Spiegel hängen”, Artikel in Arbeit), St. freut sich auf Weihnachten, weil dann endlich die erste Etappe der Prüfungen geschafft ist. E. ist erfreut, dass auf der Straße ein Häufchen Hundekot aufrecht steht. L. und D. freuen sich auf ihren Urlaub, M. freut sich auf "de Haamit". Ich freue mich über Ablenkung aller Art. Aber es gibt hier durchaus auch Dinge, die uns Kummer machen. So ärgert sich E. über zu ausgeprägte Waschbrettbäuche bei Männern und über M. Dieser ärgert sich darüber, dass er das Klopapierangebot bei Aldi verpasst hat. Ich ärgere mich, dass die Schokolade schon wieder alle ist und D. die falsche Flüssigseife gekauft hat. St. ärgert sich, wenn ihre Tastatur ausfällt oder wenn “Französisch gekotzt” wird. L. ist verärgert, wenn man nicht bereit ist einzusehen, dass die Arbeit an einer Hochzeitszeitung mindestens genauso nervenaufreibend ist, wie die Vorbereitung auf ein Examen. Nur D. ist gelassen, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, und sieht dem verärgerten Treiben auf dem Schwarzacker zu, oder worüber ärgerst du dich, D.? (Antwort wird in Form eines Blogeintrags erwartet!)

Sonntag, 17. August 2008

Sommerkollektion Vol. I

Nicht, dass auf dem Schwarzacker von Zickenalarm die Rede sein kann, doch die (nicht nur) zahlenmäßige Unterlegenheit männlicher Siedler macht uns immer wieder zu schaffen. Es wird Zeit, dass sich ein solches Exemplar hier mal selbst zu Wort meldet. Schreibfaules Pack. So sind es leider alle gängigen Frauenthemen, die die Bei-Tisch-Konversation dominieren.
Die Männer, die wir hier bisher einziehen ließen, sollten von der Sorte „maximal gehorsam, minimal attraktiv und minimal für-Beziehung-in-Frage-kommend“ sein. Bei Gehorsam und Attraktivität haben wir zugegebenermaßen Kompromisse gemacht. Sie sind zuweilen widerspenstig, beherrschen Ironie und Sarkasmus und sehen, hinsichtlich dessen, was wir bisher zu sehen bekamen auch nicht ganz schlecht aus. In Beziehungsfragen haben wir jedoch ein gutes Gespür bewiesen. Schließlich wollen wir in Frieden leben und nicht ständig darüber nachdenken müssen, in welchem Fummel wir den Flur oder den Bürgersteig zwischen 5 und 11 – den wahren Schwarzackerlaufsteg – betreten. Womit wir beim Thema wären: Mode und Modesünden in unseren Reihen.
S. hat ihr WG-Outfit perfektioniert – Schlabberpulli mit großflächigen Löchern durch die das bakterienverseuchte Blüschen hervor lugt. Dazu das Röckchen mit Blumenmuster – schnell nochmal getragen, bevor es in die Wäsche muss und untenherum breitgetretene Bioschlappen. E. kann da locker mithalten: Schafwollsöckchen von Oma passen geradeso in die auf dem Laminat laut klappernden Holzschuhe – echt öko. Über den Stützstrumpf sieht man großzügig hinweg. Irgendein Rock mit irgendeinem Oberteil runden die Frau nach oben ab. C. fällt mit frivolen Farbkreis-und Muster-Kombinationen aus dem Rahmen. Sie besitzt jedoch zu wirklich jedem Trägerkleidchen die passenden Ohrringe, Riemchensandalen und Gürtelchen. Auf dem Schwarzacker ist sie die Einzige, die Kleidungsstücke erst nach fünf Tagen wechseln muss. Neid! L. wiederum feilt noch an Stil und Figur mit Hilfe von Kohlsuppen und Rohkost. Ex-Schwarzackersiedlerin A. war kürzlich für wenige Stunden auf der Durchreise, da sie in der Gegend zu einer Hochzeit geladen war. Für welches Festgewand sich A. schließlich nach Beratung entschied, warum in E.s zimmer weder Frau noch Mann wohnen und was es zu „unseren Männern“ noch zu sagen gibt. Mehr dazu beim nächsten Mal.