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Mittwoch, 11. März 2009

Amok

Wir leben in einer gefährlichen Welt. Jüngste Ereignisse lassen vor allem die angehenden Lehrer unter uns ihre Todesursache immer deutlicher vor sich sehen: Tod durch Amokschützen. Die Fälle häufen sich. Selbst Kleinstädte in der ost- und westdeutschen Provinz bleiben davon nicht verschont. Man fragt sich, wieso gerade Lehrer, die selbstlos nur das Beste für die ihnen anvertrauten jungen Menschen wollen, von selbigen hingerichtet werden. Ein Missverständnis? Dann sei ihnen gesagt: Wir (die Lehrer) sind nicht schuld an eurem Versagen, ein bisschen Verantwortung tragt ihr auch selbst für euer Leben, auch wenn ihr es nicht glauben wollt. Und vielleicht haben wir versäumt euch das mitzugeben? Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass ihr wieder nicht zugehört habt...

P.S.: Wenn wir einem von euch helfen können, schreibt uns.

Dienstag, 24. Februar 2009

Hilfe, ich werde diskriminiert!

Vor wenigen Tagen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen und wage nun vorsichtig erste Schritte im beschwerlichen Alltag des Schwarzackers ohne ärztliche Fürsorge und Kontrolle. Die erste große Hürde - die Umstellung meines stationären Biorhythmus - habe ich erfolgreich bewältigt. Ich wache ohne Wecker halb neun, statt 5 Uhr auf und beginne gegen halb zehn meinen Rundgesang unter der Dusche. In meinem ganzheitlichen anthropologischen Selbstkonzept lasse ich „meine Seele singe[n]“ und starte „wohlauf“ gut drauf in den Tag. Die eingängige Gute-Laune-Melodie verschafft den Wand an Wand Angesiedelten jedoch derart hartnäckige Ohrwürmer, dass ihre Wirkung ins Gegenteil umschlägt und noch vor deren Aufstehen schlechte Laune bewirkt und damit eine denkbar schlechte Verhandlungsbasis für die eventuelle Putzbefreiung, die ich anstrebe. Hm, wenigstens eine Sportbefreiung habe ich diskussionslos von meiner Ärztin bekommen. Alkohol ist momentan leider strikt verboten. Tilidin, mein geschätztes Opioid, würde sich darin suhlen und zu ungeahnten Wirkstärken angespornt werden. Das möchte jedoch niemand auf dem tristen Schwarzacker riskieren. Am Ende würde meine gute Laune noch zu einer ausgewachsenen Manie mutieren. Meine geschätzten flat mates lassen in diesem Punkt nicht mit sich reden. Stattdessen lassen sie keine Gelegenheit aus mich kontinuierlich und ausführlich auf meine körperlichen Dysfunktionen hinzuweisen und mich zu beschämen. Sie wollen damit bewirken, dass ich weniger singe.

Freitag, 13. Februar 2009

Zusatzqualifikationen

Putzfrauen heißen heutzutage Gebäudemanagerinnen (GM). Putzfrauen in Krankenhäusern erwerben aufgrund des spezifischen Arbeitsmilieus eine gewisse medizinische Qualifikation. Die GM von Station Eins hat jedenfalls enorme Kenntnisse und eventuell eine große Familie. Woher ich das weiß? 6:30 werde ich hier buchstäblich aus dem Bett geworfen, denn dann müssen die Kissen aufgeschüttelt werden. Die ärztliche Visite kommt gegen 8:00. Dazwischen bleibt genug Zeit, dass mindestens einmal die GM hereinschneit, um ihre Morgendiagnose zu stellen. Meine gegenüberliegende Bettnachbarin hat von der Infusion einen Ausschlag bekommen und klagt über Juckreiz an der Einstichstelle. Die GM wirft kurz einen prüfenden aber geübten Blick auf die Armbeuge: „Ganz klar, das ist eine allergische Reaktion auf einen Bestandteil der Infusionsflüssigkeit. Das hatte meine Schwägerin auch. Lassen Sie sich aus dem Schwesternzimmer einen Kühlakku geben und fragen Sie nach einer Salbe. Und sagen Sie bei der Visite, dass Sie die Infusion nicht vertragen haben.“, sprach sie und hatte nebenbei das komplette Zimmer feucht gewischt. Meine Mitbewohnerin im Nebenbett hat Beulen von den Infusionen bekommen. Auch hierauf weiß die GM einen Rat: „Da ist die Infusion ins Gewebe gelaufen. Hat die Schwester wohl daneben gestochen. Immer schön die Beule massieren. Das hat bei mir seinerzeit auch geholfen.“ Sie wischt inzwischen das Bad. Die Reinigungsarbeiten sind abgeschlossen. Sie schaut mich fragend an. Vielleicht sollte ich ihr meinen eingewachsenen Zehennagel hinhalten oder mein zugeschwollenes Auge oder ich zeige ihr vielleicht die eine Backenzahnplombe, die immer zieht, wenn ich Schokolade esse. Ich bin jedoch verunsichert, ob der Wissenserwerb auf einer orthopädischen Station umfangreich und breit genug ist, um chirurgische, ophthalmologische oder odontologische Probleme zu lösen. Deshalb ignoriere ich ihren erwartungsvollen Blick und wünsche ihr einen schönen Tag. Zehn Minuten später kommt die ausgewiesen fachkompetente Visite und stellt mich vor die vollendete Tatsache eines formschönen Bandscheibenvorfalls. Ich will nach Hause.

Dienstag, 30. September 2008

Münchhausen zum Monatsabschluss

Es ist ruhig geworden auf dem Schwarzacker. D. ist seit Wochen nicht auffindbar. Er pflegt vermutlich seinen nationalen Freundeskreis. L. und M. haben am Wochenende beide den Abflug in die jeweilige Heimat ihrer Importliebschaften gemacht.

M. friert sich im Baltikum den Arsch ab, aber er hat wenigstens den "Schlüpfer für gut" mitgenommen - wir haben seinen Schrank danach durchsucht. L. weilt auf Malle, wo sie ihren argentinischen Kellner genauer unter die Lupe nehmen will. Sie hat hoffentlich genug "Unterwäsche für gut" eingepackt.

Ich gebe mich als Drittel der Zurückgebliebenen After-Studium-Phantasien hin. Nicht einmal ein weiteres Tanz-Date hat sich ergeben und die meisten meiner Pärchenfreunde haben die Semesterpause genutzt, um zu heiraten oder zumindest Pärchenwohngemeinschaften zu gründen. Wieder ein paar Leute weniger, die man spontan auf ein Bier treffen kann. Der Kreis wird immer kleiner.

In der Not widmen wir uns nun ausnahmsweise der Betrachtung unserer eigenen Abgründe. Zu diesem Zweck hat "Name geändert" einen Urologen konsultiert, der sie prompt zu einer ballaststofffreien Diät zwingen wollte. "Name auch geändert" nahm einen Termin beim Psychologen wahr und sollte sich dringend um einen Therapieplatz für 180 Stunden Psychoanalyse bemühen. Mir scheint, wo ein Arzt, da auch eine Diagnose.

Doch noch bevor es zur Sache ging, hat sich alles in Wohlgefallen aufgelöst. Nach Rücksprache mit den üblichen Verdächtigen hat "Name auch geändert" beruhigt feststellen können, dass sie Otto-Normal-Abgründe hat. Ebenso stellen die Standard-Verdauungsstörungen von "Name geändert" keinen Grund zur Beunruhigung dar.

Letztlich buhlen wir alle nur um ein wenig mehr Aufmerksamkeit. Und die haben wir punktuell auch bekommen. Münchhausen eben.

Dienstag, 23. September 2008

Zyklusberechnung: Tag 18 - und weiter?

Zyklen bestimmen auch das Leben in einer gemischt-geschlechtlichen WG. Einen wichtigen Zyklus gibt zum Beispiel der Putzplan vor. Geputzt wird bei uns immer an einem Tag zwischen Donnerstag und Dienstag. Schieben ist auch mal ausnahmsweise erlaubt, wenn einstimmig entschieden wird. Die Kärtchen für Küche/Bad/Flur wandern im Wochenrhythmus von S. zu E. zu M. und wieder zu S. Das Erinnerungs-Kärtchen für die Leerung des Staubsaugerbehälters verschwindet regelmäßig in selbigem. Die Bedienungsanleitung hat Dr. B. geklaut. Das Kärtchen für die Treppenhausreinigung ist nur noch ein Relikt aus alten Tagen - das machen jetzt externe niedriglohnempfangende Gebäudemanager.

Interessant ist, dass jede der drei WG-internen Putzen völlig ohne fremde Anleitung auch mehrere Nischenaufgaben für sich entdeckt hat:  S. putzt als Einzige den Badspiegel streifenfrei und sichert zuverlässig das Überleben der Balkonpflanzen. E. zeigt sich alleinverantwortlich für die Entkrümelung des Toasters und das regelmäßige Spülen der Herdknöpfe. M. ist exklusiver Papiermüll-entsorger und Geschirrtrockner. Wir sind organisiert. Wir arbeiten gabenorientiert.

Ein weiterer lebensstrukturierender Zyklus ist M.s Körperpflege. Einmal wöchentlich schließt er sich bei Kerzenschein mit Pearl Jam in sein gefliestes Heiligtum ein. Das rhythmische Quietschen des Auf-und-Zu-und-Auf-und-Zu des Wasserhahns zeigt zuverlässig den Wochentag an. Es ist Donnerstag - es ist Rasiertag.

Neuerdings ist mittwochs Vierzig-Grad-Schlüpfer-Waschtag. Auch die gute Candy arbeitet in Zyklen, denn M. besitzt nach eigenen Angaben nur siebzehn Schlüpfer und wenn er zum Beispiel am Sonntag für vierzehn Tage in ein Land ohne Waschmaschinen verreisen wollte, müssten mittwochs alle verfügbaren Unterhosen gewaschen werden, damit sie rechtzeitig trocknen könnten. Denn Donnerstag plus Freitag plus Samstag ist gleich drei. Vierzehn braucht er im Urlaub. Macht zusammen siebzehn. Ich frage mich, ob er am Waschtag-Mittwoch keine anzieht oder ob er sich verrechnet hat. Und wenn er wiederkommt, sollten die drei Daheimgebliebenen frisch gewaschen im Schrank liegen, damit das saubere Leben im Schritt nahtlos weitergehen kann?

M. ist ein berechnendes Wesen. Durch vorherige Berechnung erzielt er im Alltag Erfolgserlebnisse in regelmäßigen Abständen und schafft damit einen ganz besonderen Zyklus.

Samstag, 20. September 2008

Dem Kasper seine Frau...

Eben beim Mittagessen dachten wir darüber nach, was wohl einmal aus uns werden würde, ob wir uns je wiedersehen werden, wer von uns wahrscheinlich einmal Arbeit hat und wer es im Leben zu nichts bringen wird. Ich wurde in die letztere Gruppe einsortiert, allerdings wurde mir und noch einer Person ein sicherer Psychiatrieplatz prophezeit (Und das nur, weil ich die Farben grün und blau kombiniere!). Daraufhin fingen wir an, zu phantasieren von einem Leben auf Kosten des Staates und der Freiheit, den ganzen Tag tun und lassen zu können, was man will, ohne dafür verantwortlich gemacht zu werden. So beschlossen wir, uns kommunitär in einer Psychiatrie niederzulassen und wollen hiermit Interessierte zu unserem Projekt “Gemeinsam leben auf Kosten des Staates” herzlich einladen. Und das Schöne ist, wir bieten auch gleichzeitig Kurse für uns an, M. macht Sportkurse, S. lehrt Französisch, ich biete einen Tonfigurenkurs an und bei E. kann man die dunklen Seiten des Internets kennenlernen. Interessenten können sich in den nächsten Tagen bei uns melden. Das Projekt startet eventuell nächstes Jahr, es sei denn, das nächste Mittagessen bringt eine bessere Idee zur Lebensbewältigung hervor.

Dienstag, 16. September 2008

Dr. B. log

Eine kleine Weile haben wir uns gefragt, wer eigentlich unseren Tratsch hier liest. Blog-Leser sind ja unsichtbar. Kommentare zu den Artikeln gibt es bisher nur aus den Reihen des AutroInnenteams und was die Umfragen angeht, ist mir zu Ohren gekommen, es würden manche in unseren Reihen mehrmals abstimmen. Glauben soll man ohnehin nur den selbstgefälschten Statistiken - also sind wir da auf einem breiten Weg.
Wie dem auch sei, das Lügenthema wurde von C. (auch Dr. B.) offensichtlich in derart brillanter Weise fortgesetzt, dass wir regelrecht in Fanpost unterzugehen drohten. Überwältigend war die Zahl der an Namen und Zahlen Interessierten. "Ich hab da in eurem Blog gelesen... wer von euch ist schwanger?"
Entspannt euch! Nichtmal Eva Longoria ist schwanger und die hat immerhin nen Ehemann (im Gegensatz zu jeder von uns) und sichtbar zugenommen (was keiner von uns passieren kann). Dr. B. log. Morgen wird sie in Kunstgeschichte geprüft. Die Probe hat sie schon bestanden.

Freitag, 29. August 2008

„Sie hat sich die Finger blutig gelesen.“

Täglich zwei bis x Folgen House M.D. hinterlassen ihre Spuren in meinem aktiven Wortschatz. Neulich habe ich unfreiwillig mit meiner Hausärztin über Kontraindikationen gefachsimpelt. Das ist mir so rausgerutscht, echt jetzt!
Seit gestern gibt es wieder Popstars. Diesmal „just 4 girls“. Sicher hat Sido das verbrochen, weil er was gegen mindestens 10% der Männer hat. So richtig sauschlecht war leider keine der Bewerberinnen, was wir sehr schade fanden. Dies wiederum hat zweifellos der Kinderschutzbund verbrochen, indem er eine Vorauswahl traf. Es wurde ja häufig moniert, zu viel Kritik ins Gesicht und vor laufender Kamera könne ein so junges Leben für immer zerstören. So einen Fall müsste House mal bekommen. Er würde nie darauf kommen, was die Kleine hat. Bevor es in Staffel 43 soweit ist, befasse ich mich mit Selbstdiagnosen: Mein Hormonhaushalt ist in letzter Zeit regelrecht aus den Fugen geraten. Das bringt mich zu der Frage, wie meine Hypophyse die häufig wechselnden visuellen Stimuli verkraftet? Ich bin fest davon überzeugt, dass Greg ganz andere Hirnregionen reizt als Detlef, von einem Waschbrettbauch ganz zu schweigen. Sicher wären die Auswirkungen auf einem MRT sichtbar. Aber wann bekommt man da schon mal einen Termin? Ich bin besorgt. Ein Ganzkörperscan würde mich beruhigen.
Ich fürchte so langsam konvergiert meine Medienkost zu einem dicken krustigen Klumpen unverdaulicher Substanzen. Hab ich mir jetzt die Augen wund geschaut, oder etwa die Finger blutig gelesen, wie es Legasthenie-Anja Sido versprochen hat, damit sie „drin bleiben“ darf? Wie lautet Ihre Diagnose, Dr. B.? Oder sind sie mal wieder mit Dr. V. einer Meinung, weil sie mit ihr ins Bett gehen?

Donnerstag, 21. August 2008

Endlich eine neue Umfrage hier.

Aber ich habe ein Problem. Ich kann mich für nichts entscheiden. Einerseits würde ich gern alles ankreuzen, andererseits trifft nichts wirklich zu.
Da ich ab und zu doch etwas für meine Prüfungen tue, weiß ich auch, warum das so ist: parasoziale Beziehungen. Das sind - für alle Nicht-(Hobby)-Psychologen oder Psychologienebenfächler - die "Beziehungen", die wir zu unseren LieblingsfernsehheldInnen haben. Laut einschlägigen Psychologiebüchern eignen sich besonders Figuren aus Serien. Ohne dass man sich viel Mühe geben muss funktionieren diese Beziehungen nämlich bestens, im Gegensatz zu realen Freundschaften, für die man aktiv zuhören muss, neben wechselseitigen Besuchen, endlosen Telefonaten, verzweifelt in letzter Sekunde gefundenen und dennoch unpassenden Geburtstagsgeschenken etc.
Auf dem Schwarzacker gibt es einige Mitglieder, die ihre parasozialen Beziehungen gerade wieder intensiver pflegen als die "normal-sozialen". Für Außenstehende ist das manchmal schwierig, da fiktive Figuren ständig in den Alltag eingebaut werden, diese aber nicht zwingend allen bekannt sind. Wir lernen nun aber sehr gern von unseren HeldInnen und zitieren sie daher ständig (siehe auch diverse Kommentare). Sarkasmus, Zynismus, Selbstbewusstsein, Autorität: sowas kommt gut an auf dem Schwarzacker. Das muss aber niemanden beunruhigen. Wir können noch zwischen Fakt und Fiktion unterscheiden. Meistens jedenfalls.
Dass die Abstimmung bei mir nicht funktioniert, könnte daran liegen, dass ich zwar so manchen Charakterzug meiner parasozialen Bezugspersonen bewundere, ihn aber weder habe, noch ihn im wirklichen Leben tatsächlich haben will, zumindest nicht in solchen Ausmaßen. (Oder?)
Jedenfalls scheinen wir so schnell von Lektüreschäden doch nicht wegzukommen.

PS: Und ja: ich schreibe gern längere Artikel!!!

Samstag, 19. Juli 2008

„Warum liegt hier eigentlich Stroh?“

Diese Frage bezieht sich keineswegs auf ein gewisses Youtube-Video zwielichtiger Art. Nein es geht hier vielmehr um die natürlichen Roggenstroh-Matratzen in unserem Quasi-Wohnzimmer, das eigentlich das (Schlaf-)Zimmer von E. ist. Über etwa ein Jahr lang musste nämlich eine schwerwiegende Entscheidung getroffen werden: Worauf sollten sich USFler zukünftig niederlassen? Besser: Worauf sollte E. in Zukunft schlafen? Stellt sich zunächst die Frage, worauf sie bisher geschlafen hatte: IKEA-Doppelbett, zusammenklappbar, auch als Sofa zu gebrauchen. Matratzen leider nicht sehr rückenfreundlich, was natürlich die Überlegung zu wechseln erst aufkommen lässt. Ein weiteres Kriterium: Frau ist jetzt wieder single. Wozu also noch ein Doppelbett? Da hört sie von diesen harten Matratzen aus Stroh. Schon einmal hatte sie darauf geschlafen und völlig unerwartet war sie ohne Rückenschmerzen aufgewacht – oh Wunder. Also findet sie heraus, dass Leute aus dem Bekanntenkreis in einigen Wochen zwei solcher Matratzen von sonst wo her nach S. in die thüringische Heimatstadt der Betroffenen bringen könnten. Irgendwann später, bei Gelegenheit, würden diese mit einem Auto nach LE. transportiert werden können. Gesagt, getan, nach weiteren Wochen, in denen sie sich überlegt, wo sie nun den Rahmen eines Einzelbettes herbekommen könnte, ist die Gelegenheit da. Zwei Riesenmatratzen, die sich zunächst eher nach Stein als nach Stroh anfühlen, werden in besagtes Zimmer einquartiert. Das Einzelbettgestell hatte sich bei einem benachbarten Räumungsverkauf recht günstig erwerben lassen und zum Probeliegen in der ersten Nacht lässt sie das alte Bett noch stehen und beschließt, auf einer der neuen Matratzen zu schlafen. Allerdings mit Auspolsterung durch Schaffelle. Nun ja, wie erwartet sind die Rückenschmerzen am nächsten Morgen extrem. Zu dieser Zeit wird die These noch ignoriert, die Schmerzen kämen davon, dass die sämtlich nötigen Umräum- und Schlepparbeiten – Truhe, Bettgestell, besagte Matratzen – von E. eigenständig und ohne Hilfe (Frau ist schließlich emanzipiert) durchgeführt worden waren. Die Sache wird also wieder abgebaut, so wird das nichts. Wie kriegt sie jetzt diese blöden Matratzen wieder los? Und wie kann sie C. erklären, dass sie das ihr schon versprochene Doppelbett doch behalten will? Nun, es gibt auf alles eine Antwort. C. findet sich damit ab, obwohl sie schon große Bettlaken von der Mutter geschenkt bekommen hatte und ansonsten gibt’s ja E-bay. Dann ist E. sowieso vier Wochen lang nicht da: Fun-Reise nach Amerika. Und dass sie hinterher das Doppelbett doch wieder braucht, hat zwar vorher niemand gewusst, aber gut, dass es nun noch da ist. Wenige Wochen später versucht sie es noch mal mit dem Stroh (bei E-bay hat sich bis jetzt niemand gemeldet). Eine neue Idee: Beide Matratzen auf das Doppelbettgestell. Diesmal mit Hilfe. Ein Glück. Denn siehe da: Der Rücken schmerzt weder nach der ersten noch nach der zweiten Nacht. (Die weiter oben beschriebene Ahnung bestätigt sich also widerwillig.) Außerdem ist der Mensch ja ein Gewohnheitstier. Die USF-Gucker finden es auch gut. Und so scheint die Geschichte fast in Vergessenheit zu geraten, bis: es eben anders kommt. Eine Lüge bahnt sich an. Eine mit Konsequenzen. Keine schlimmen. Jedenfalls nicht für E. Unverhofft klingelt nämlich eines Tages das Telefon. Eine weibliche Person am anderen Ende der Leitung freut sich darauf, möglichst schnell an zwei Roggenstrohmatratzen zu kommen, die laut Internet unter dieser Nummer zu bestellen sind. Die sollen nämlich sehr gut für den Rücken sein. Gut, dass E. fast alles ohne mit der Wimper zu zucken sehr überzeugend erklären kann. Voller Selbstvertrauen und mit ehrlichem Bedauern wird also der Frau gesagt, dass die Matratzen schon verkauft sind. Am Abend wird das schlechte Gewissen reumütig gereinigt, in einer kleinen Aussprache bei der Mitbewohnerin. Nun ja, die Frau wird es verkraften und E. ist wahrscheinlich schon längst drüber weg. Nur manchmal erinnert eine kleine Ermahnung an den langen Weg zum Roggenstroh: „Wehe ihr verschüttet eure Getränke auf mein Bett. Das ist Stroh. Das schimmelt dann.“ Und mit einem Schmunzeln auf den Lippen widmen sich die anwesenden Personen wieder dem spannenden Geschehen einer Lieblingsserie, unterbrochen von USF-Pausen…

Freitag, 4. Juli 2008

Männer sind Spielzeug


Ein harmonisches Phlegma hat sich seit einigen Monaten auf dem Schwarzacker breit gemacht. Mein Neuner und meine Neunerin sind mittelmäßig erziehbar und weitgehend friedfertig. Wir leben beschaulich ruhig.
Doch es ist nicht einmal zwei Jahre her, da wohnten hier vorübergehend zwei exzessiv und verschwenderisch lebende Untermieter (m/w) mit nach eigenen Aussagen schweren psychischen Störungen des Männchens (sieben plus vier, ausgerechnet Trost- und Stresspunkte meiner Wenigkeit).
Eines Morgens machte ich im Bad eine grausige Entdeckung. Ein Button lag im Spiegelschrank - eingeklemmt zwischen seiner Zahnbürste und ihren verbogenen Haarklammern. (Haarklammern und Zahnbürsten dürfen in der Weltordnung einer Eins übrigens keinesfalls nahe beieinander aufbewahrt werden. Aber das steht in einem anderen Buch.) Der Button lag mit dem Gesicht nach oben auf Augenhöhe, so, dass ich nicht umhin kam, ihn zu lesen.
Nun ist Buttonlektüre im Allgemeinen ein Nischeninteresse. Fünf Minuten Fahrzeit, Stehplatz in der Bahn, keine Hände frei für die Zeitung - da kann man schonmal für ein paar Sekunden fremder Menschen buttonübersäte Armee-Rucksäcke studieren. Doch schon nach dem dritten Motiv wende ich mich gelangweilt ab. Immer dasselbe: Nirvana, Hanf und Anarchie.
An jenem Morgen war die Buttonlektüre nicht weniger ernüchternd:„Boys are toys!“ stand da weiß auf schwarz. „Männer sind Spielzeug!“ Nun, die enneagrammatische Eins erlaubt sich normalerweise keine Spielchen. Jeder Tag ist der Ernst des Lebens ein bisschen ernster zu nehmen. Ein tägliches Mindestmaß an To-Do-Punkten hatte sich auch der mitwohnende Parasit, Verzeihung Patient, notiert: Für den seltenen Fall, dass er noch vor Anbruch der Abenddämmerung erwachen sollte, stand da: „Baden – Frühstücken – aufstehen – Solarium – Therapie – Shoppen – Sexy sein“ in genau dieser Reihenfolge. Lange hat es ab dieser Entdeckung nicht mehr gedauert, bis die Neuner zu mir kamen.

Mittwoch, 2. Juli 2008

„Neun plus neun plus eins gleich elf“

J. ist eine prototypische Sieben. C. repräsentiert die Acht. A. ist sich recht sicher, eine Sechs zu sein. K. hat starke Kennzeichen einer Fünf. Die Zwei scheint in R. deutlich hervorzutreten. Dreien gibt es offensichtlich nicht so oft in unserem Bekanntenkreis. Und wenn S. keine Vier ist, dann weiß ich auch nicht.
Wenn man nicht aufpasst, redet man nach der Lektüre eines gewissen Buches nur noch in Zahlen (ein echter Lektüreschaden). Manche können nicht mitreden, weil sie es nicht gelesen haben. Manche reden mit, obwohl sie es nicht gelesen haben. Andere können gar nicht mehr aufhören, davon zu reden, seitdem sie es gelesen haben.
Das Schlimmste aber ist der Moment, in dem man herausfindet, welche Typen die eigenen Mitbewohner sind. Wochenlang kann man sich darüber streiten. Man könnte. Das geht aber nur, wenn man mit den entsprechenden Typen zusammenwohnt. Als konfliktsuchende Eins kann das für E. ganz schön daneben gehen, wenn sie mit zwei konfliktscheuen Neunern zusammen in der Schwarzackerstraße 11 lebt. Gut, dass es Nachbarn gibt!

Freitag, 27. Juni 2008

„Na, was soll ich denn machen?“

Fast unmerklich gewinnt diese vermeintliche „Frage“ immer mehr Bedeutung in unserer kleinen Kommune. Es ist eine gute Frage. Eigentlich eine gute Antwort. Eine Art Gegenfrage, auf die es meistens eine sehr plausible Antwort gibt. Die ist aber oft nicht so angenehm oder nicht so leicht umzusetzen.
Warum unterhältst du dich denn überhaupt so lang mit ihm, wenn du ihn eigentlich nicht leiden kannst? - Na, was soll ich denn machen? Warum mischst du dich da überhaupt ein? - Na, was soll ich denn machen? Warum lässt du den denn hier schlafen? - Na, was soll ich denn machen? Warum gehst du denn nicht in die Bibliothek statt dich in den Park zu setzen? - Na, was soll ich denn machen, wenn ich gefragt werde? Warum stehst du nicht einfach mal früher auf? - Na, was soll ich denn machen, wenn ich müde bin? Warum gehst du nicht einfach mal früher ins Bett, statt bis um vier Uhr morgens Wasserpfeife zu rauchen? - Na, was soll ich denn machen, die sind doch sonst alleine? Warum isst du nicht einfach mal weniger Schokolade? - Na, was soll ich denn machen, wenn ich nichts anderes eingekauft habe? Warum musst du immer so viel trinken, wenn du es hinterher doch bereust? - Na, was soll ich denn machen, wenn alle trinken? Warum rauchst du denn immer mit? - Na, was soll ich denn machen? Warum hast du denn diese komischen Ohrringe dran? Na, was soll ich denn machen, wenn ich die von meiner Mutter geschenkt bekommen habe?
Es ist eine Art Entschuldigung. Fast ein bisschen verzweifelt. Sie kann ja nichts dafür, dass sie sich Sorgen macht um die anderen. Das pure Mitleid. Sie kann nichts dafür. Sie kann den Gedanken nicht ertragen, die anderen allein zu lassen. Sie hat Angst, sie könnte etwas verpassen. Und außerdem ist es schrecklich, allein zu sein, deshalb muss man jede Gelegenheit nutzen.
Sie kann eben nicht anders. Was ist schon Vernunft? Man muss ja Prioritäten setzen im Leben. Und die Priorität ist eben nicht immer die Vernunft. Und Rationalität entspricht auch selten dem realen Leben. Also, was soll man da machen?

Donnerstag, 26. Juni 2008