Ich bin schon mit einem Fernseher in meinem Kinderzimmer aufgewachsen und war dadurch hochgradig gefährdet, seriensüchtig zu werden. Mit zunehmendem Alter bekommen die meisten von uns solche Abhängigkeiten unter Kontrolle. Bei manchen geraten die Serien ihrer Jugend gar gänzlich in Vergessenheit oder sie ersetzen die alten durch aktuelle (darauf kommen wir noch).
Ich habe mir ein einziges Serien-Bonbon bis zum heutigen Tag bewahrt: „Unsere kleine Farm“. Der Postmann war einigermaßen irritiert, als ich einen im ganzen Treppenhaus widerhallenden Freudenschrei ausstieß und ihm das Päckchen aus der Hand riss: 70 DVDs – über 200 Folgen – 7 Tage und 6 1/2 Stunden Material – die heile Kinderzimmerwelt ist heutzutage käuflich erwerbbar.
Nun hat der Bildschirm auch auf dem Schwarzacker eine gemeinschaftsgenerierende Funktion und Seriensucht ist angesichts unserer beengten Wohnverhältnissen und des ausgeprägten Herdentriebs in hohem Maße ansteckend. So hatten auch S. und C. häppchenweise Anteil am Familien-Idyll von Walnut Grove. (Inhalte sollen an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden, sonst werden mir die Augen feucht und ich kann die Buchstaben meiner Tastatur nicht mehr erkennen.)
Lediglich auf einen gravierenden Unterschied sei hingewiesen: Tief berührt, weinend und mich haltsuchend an Harald schmiegend litt ich mit den Ingalls, während S. und C. die tragischen Momente lauthals lachend, augenrollend und unterbrochen von Küchen- und Klogängen meines Erachtens völlig verkannten. Wiederholt wurde mir von beiden der Lektüreschaden im Fach „Harmonische Lebensbewältigung“ bescheinigt. Ich prangere die um sich greifende Verrohung der Fernsehgefühle an und bin erschüttert über die mangelnde Empathiefähigkeit der "Jugend heutzutage" in Bezug auf kindliche Serienhelden. „Ich weine haltlos, wenn ich traurig bin und oft auch wenn andere traurig sind und überhaupt…“
1 Kommentar:
Sag mal, weinst du, oder ist das der Regen...
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