Dienstag, 1. Juli 2008

Schnipsellektüre wider den Schaden

Haben sie sich schon einmal geärgert, dass Ihnen eine geniale Formulierung abhanden gekommen ist? Haben Sie einen Zettelkasten zur Aufbewahrung rhetorischer Kleinodien, die Ihnen alltäglich begegnen? Eine zerknickte Pappkiste unterm Tisch oder zur besseren Ordnung ein edles Moleskine? Vielleicht reicht Ihnen auch ein Textdokument, das Sie von Zeit zu Zeit öffnen und ergänzen?

Fakt ist, man muss keine Germanistin sein, um eine Zitatesammlung zu besitzen. Sogar ein unvollendeter Volkswirtschaftler und Sportler wie Jens Lehmann weiß den richtigen Zettel zur richtigen Zeit zu schätzen. Wir erinnern uns an die ominöse Notiz der Elfmetergewohnheiten im Spiel gegen „ich hab’s vergessen.“ Aber die deutsche Elf hat gewonnen und das zählt. Am vergangenen Sonntag konnte Lehmann erneut kurz nach dem Endspiel der Europameisterschaft aus seiner Zettelbox das große Los ziehen. Darauf stand: „Der Konjunktiv ist der Feind des Verlierers“. Lehmann war an diesem Abend auf der Verliererseite. Im Interview konnte er die hochkomplexe Weisheit innerhalb weniger Minuten gleich zweimal zitieren und bei so manchem Zuschauer der Zielgruppe Verwirrung stiften. Ich werde Lukas mal ein E-Mail schreiben und ihn bitten seine Box zu erweitern. „Das Spiel war gut.“ und „Wir haben gut gespielt.“ – da kann er einfach nicht mit Jens mithalten.
Auch auf dem Schwarzacker werden Zettelboxen gefüllt: Unter der Rubrik WORTERSATZ steht beispielsweise die Anweisung: „Ersetze ‚primitiv‘ durch ‚unterkomplex‘“. In der Schachtel WENDUNGEN findet sich unter anderem: „hinhaltend Widerstand leisten“ oder „etwas beschreiben als handle es sich um eine Tätigkeit in der Vorhölle“. Bei den WORTJUWELEN habe ich die „Angstblüte“, das „Unterpfand“ und auch den „Lektüreschaden“ eingeordnet. Satzweise Zitate aus meiner Zeitungs- und Buchlektüre nehmen den größten Raum der Box ein. Sie alle warten auf Gelegenheiten, auf Momente, die der Rede wert sind.

Eine Empfehlung zum Schluss: Auf www.zeit.de den Suchbegriff „Wörterbericht“ eingeben und sich die wochenaktuelle Kolumne zu Kleinodien und Auswüchsen der Deutschen Sprache zu Gemüte führen. Sensibilisierung inbegriffen!

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