
In jahrzehntelanger Forschung haben Wissenschaftler herausgefunden, dass "jeder Mensch bis zu 200 Mal täglich" lügt. Ich frage mich, ob auch das gelogen ist.
Wahr ist jedenfalls, dass ich seit einigen Wochen nicht nur als eine Schwarzackerhexe, sondern noch dazu als eine verlogene gebrandmarkt werde. Dass man mir damit Unrecht tut, möchte ich an einem Beispiel nachweisen. Mein jüngster Akt der Realitätsverzerrung, der als Lüge aufgeflogen ist, ging nämlich so:
Ich sitze am Schreibtisch und verspüre gegen 19:30 Hunger. In der Küche finde ich ein altes Stück Brot, das noch ca. drei Scheiben hergibt. Es würde meinen Hunger befriedigen, doch S. ist noch in der Bibliothek und kommt vermutlich innerhalb der nächsten Stunde hungrig nach Hause. Ich überlege: Wenn ich meinen Hunger an diesem Brot stille, dann steht S. vor dem leeren Brotkasten und verachtet mich für meine Ungeduld, meine Gier und meinen Egoismus. Ich kehre hungrig in mein Zimmer zurück und trinke Mineralwasser. Mein Magen soll begreifen, dass es nichts zu essen gibt. S. kommt nach Hause und schaut bei mir im Zimmer vorbei. Als ich ihr von meinem Hunger erzähle, fragt sie, warum ich nichts gegessen hätte. Ich antworte: Weil nichts da ist. Sie geht daraufhin geradewegs in die Küche, findet in der Brotkiste besagten Brotrest und schreit: „Warum lügst du mich an!!!“
Das geht mir durch Mark und Bein. Ich versuche mich zu erinnern, was ich als letztes überhaupt zu ihr gesagt habe. Doch bevor es mir einfällt werde ich durch einen weiteren Schrei aufgeklärt: „Warum behauptest du, es sei nichts zu essen da!!! Hier ist doch Brot!!!“
Ich fühle mich ungerecht behandelt. Jetzt verachtet sie mich aufgrund meiner Verlogenheit. Ich versuche, es ihr zu erklären. Aber wer einmal lügt…
P.S. Dann sagt S., sie habe keinen Hunger, der Mittagsdöner liege ihr noch quer im Magen und ich könne das Brot aufessen.
1 Kommentar:
Ich hätte die Geschichte gerne nochmal aus der anderen Sicht gehört, vor allem die Sache mit dem Schreien, da S. ja nicht gerade unser Kommunenhypochonder ist.
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