Samstag, 11. Oktober 2008

Zeugen des sich erweisenden Seins

Der Schwarzacker hat ein neues Fremdwort gelernt. Nachdem endlich alle wissen, was eine Häresie ist, baten wir - jederzeit an Praxisbeispielen interessiert - heute zum Frühstück ein paar Häretiker zu Tisch.

Gegen zehn Uhr zelebrieren wir in trauter Viersamkeit Abgründiges und Nostalgisches, als es an der Tür klingelt. Wir wissen, es kann noch nicht der Bruder sein, dessen Platz bis dahin freigeblieben war, da er sich erst vor Minuten auf den Weg zu uns gemacht hatte, in Gemeinschaft uns das Wort auszulegen.

Wie gesagt, es klingelt und eine Hexe geht, um die Tür zu öffnen. Der erste Fehler, denn zu so früher Stunde ist auch die gemeinste Hexe noch selbstlos genug, die unter Umständen lebenverändernde Debatte mit den unerwarteten Gästen nicht im Türrahmen alleine zu führen. Nein, sie will, dass wir alle teilhaben und so bittet sie die Unbekannten herein an den Frühstückstisch. Sie sind Zeugen und wollen an diesem Morgen Zeugnis geben. Wir geben ihnen nichteinmal Kaffee.

Sie freuen sich, dass auch wir vorgeben, mit der Transzendenz etwas anfangen zu können und uns bis auf wenige Ausnahmen am Tisch glaubhaft als fromme, betende Kirchgänger ausweisen. Sie verstehen andererseits nicht, dass wir vor der Zukunft trotz Bankenkrise keine Angst zu haben scheinen. Einige von uns blicken betreten schuldbewusst zu Boden ihres apokalyptischen Desinteresses angesichtig.

Ich schließe mich im Bad ein und ärgere mich, dass ich für solche Gelegenheiten kein Buch dabei habe, um die Zeit zu überbrücken. Ich ziehe kurz in Erwägung, nach Hause (nach nebenan) zu flüchten, aber mein Kaffee steht noch auf dem Küchentisch. Ich muss also bald zurück, wenn ich ihn noch heiß trinken will. Gerade als ich die Küche betrete, behauptet jemand, ich sei die Theologin in der Runde, woraufhin mir unkontrolliert Hasstiraden entfahren. Der Zeugenblick ruht auf mir. Man erwartet von mir auf Basis unterstellter Hebräischkenntnisse eine Erklärung des Jehova-Namens. Statt eine solche zu geben, beiße ich ignorant und schweigsam in mein Brötchen. Ich hatte insgeheim auf dem Klo beschlossen, den lieben Gott heute eine gute Frau sein zu lassen.

Nach einer gefühlten Stunde trifft auch der Bruder ein und die Zeugen räumen den Kriegsschauplatz mitsamt geistlicher Waffenrüstung, die sie zuvor ausgepackt hatten. Schwester A. spekuliert, die Gäste mögen unsere Gesellschaft als Momentaufnahme krampflosen Christseins wahrgenommen haben. (Sollten sie das tun, war das sicherlich zu keinem Teil mein Verdienst.) Des Bruders sonore Stimme schallt beherzt durchs Treppenhaus: "Gott mit euch!"

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